...ich bin ein geschichtenerzähler aus der welt, berichte aus meiner sicht mit meinen gefühlen und meinen worten...

Mittwoch, 21. Juli 2010

das schweigen der lämmer

Das Schafe Scheren ist nun schon länger vorüber, die Felder leuchten grün in der Sonne und die Tage vergehen wie im Flug. Mittlerweile haben die Schafe die verlorene Wolle und den Stress der Rasur vergessen. Dennoch war das eine Erfahrung der besonderen Art. Die Schafe wurden von der Koppel auf den Hof getrieben, von wo aus ein Steg hoch in die Hütte führt.





Dort in der Hütte standen sie dann irritiert aneinander gedrängt. Ein Konzert durchdringt die Stille von hohen und tiefen Mäh-Variationen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und mich das ein oder andere Mal einfach zum Lachen bringen mussten:



(...) Dann legten auch die Scherer zu und die Tiere verstummten. Typen, die von der Statur an ehemalige Gefängniseinassen erinnern würden, hätten sie nur noch eine finstere Mine zu dem Spiel aufgelegt. So standen drei muskulöse und tätowierte, riesige Männer vor dem verängstigten Tiervolk und rasierten was das Zeug hält. Oder sollte ich besser sagen, dass sie hingen? Es gibt da so eine Vorrichtung, die diesen Job etwas Rücken-freundlicher macht. Eine Schaukel ähnliche Konstruktion hängt von der Decke, die wie ein Halbmond geformt ist, in der sich die Männer geschickt hinein schwingen und ihre Bewegungen durch eine Federung abgefangen wird:



So standen sie kopfüber 12 Stunden am Tag in der Hütte und fertigten Tier für Tier ab. Die Stimmung war ansteckend ausgelassen und es machte regelrecht Freude in diesem Woll-Gewimmel mitzuhelfen. Ich half dabei den fertig abrasierten Woll-Teppich eines enthaarten Tieres auf einem Tisch in der Hütte auszubreiten und die dreckigen Reste an den Rändern abzurupfen. Alles leichter gesagt, als getan. Die Wolle mit den richtigen Handgriffen aufzusammeln, dass sie nicht in alle Einzelteile zerfällt, schwungvoll und zielgerichtet auf den Tisch zu werfen, damit kein Klumpen darauf liegt, sondern eine übersichtliche Fläche... eine schweißtreibende Angelegenheit – Bücken, Sammeln, Werfen, Rupfen...



Und in der Zwischenzeit die klebrigen Wollreste, an denen Blut und Pinkel hängt, zusammenkehren und entsorgen. Alles zack zack. Klingt nicht besonders charmant, ist es auch nicht. Die Klingen sind scharf, das Gerät vibriert in Aktion und das Schaf, das zwischen beiden Beinen festgehalten werden muss, zuckt und versucht zu entkommen. Da kann es schon passieren, dass der ein oder andere Schnitt ins Fleisch geht. Zwei Tiere wurden genäht, alle anderen entkamen mit blutigen Kratzern. Mir wurde berichtet, dass der Stress bei den Schafen dazu führen kann, dass die Älteren eine Herzattacke bekommen, „ […] da muss man dann auf den Brustkorb hau´n [...]“ Aber keine Gruselgeschichte wurde wahr. Die armen Tiere sahen danach zwar aus wie aus einem Strafgefangenen Lager entkommen, so dürr ohne Wolle, so weiß und blutig und verwirrt standen sie herum, aber wir haben keins verloren. So sah das Ganze ungefähr aus (den Ton hab ich weggelassen, da das Summen der Rasierer gemixt mit den Stimmen und dem Radio im Hintergrund eher nach Störgeräuschen klingt...) :



Das letzte Schaf kam unter meine Hand. Ich durfte ein Gefühl dafür bekommen, woher die Muskeln der Jungs kommen. Der schwere Apparat vibriert so kräftig, dass es regelrecht schwer ist ihn zielgerichtet zu platzieren. Ich wollte das sich unter mir windende Tier nicht verletzten und es war schwer zu fühlen, wo die Wolle anfängt und das Fleisch sitzt. Nach der Hälfte habe ich schweißgebadet abgedankt. Meine Hände waren rot durchblutet und verkrampft, sowie mein ganzer Körper.



Das Tier hat überlebt, aber einige Schlitzer abbekommen – wie durch Butter... Insgesamt eine Erfahrung, dennoch spüre ich nicht unbedingt Verlangen nach Wiederholung.
Überrascht war ich von dem Duft und dem Gefühl der Wolle. So Zart und weich, dicht und geschmeidig war sie und der Geruch erinnerte mich an das Lammfell von Zuhause, an Weihnachten, an den Tag, an dem das Fell frisch unter dem Baum lag. Ich war vielleicht 6 Jahre alt. Und auf einmal steht man da, in der mit Hütte, vor den massakrierten Schafen und fühlt sich wohl mit der Erinnerung an Momente der Geborgenheit.
Direkt nach dem Schafe-Scheren setzte es ein: Die Zeit, in der die Schafe ihre Lämmer zur Welt bringen.



Der Stress führte sogar zu einer Geburt direkt auf dem Hof. In den darauf folgenden Tagen konnten wir immer mehr Pärchen kleiner Ohren aus den Stoppeln der Felder herausragen sehen. Noch immer fahren wir entlang der Koppeln und erspähen die dicken Bäuche, beobachten wie schnell die Kleinen wachsen, sorgen für genug Futter auf der Weide und schätzen die Zeit, die uns bleibt um alle wieder auf den Hof zu treiben und sie zu markieren, bevor sie zu schwer werden, um sie hochzuheben. Die gecheckten Lämmer wachsen schneller als die anderen und wirken kraftvoller und muskulöser. Diese werden alle verkauft, wenn sie kräftig genug sind und kommen auf den Fleischmarkt. Die weißen Schafe bleiben, denn die sind gut für Wolle. Wenn die Kleinen markiert werden, bekommen sie Gummiringe um den Schwanz (nicht das Genital) und um die Eier (ja...genau). Dadurch sterben diese Teile ab. Das ist wohl die angenehmste Methode. Es gibt auch Farmer, die das ganze“operativ“ machen... das soll nicht so schön sein. Zur Erklärung: Der Schwanz hinten verdreckt und verklebt nicht, wenn er ab ist (beugt Krankheiten vor).
Ich hab ja mittlerweile erfahren, dass die männlichen Schafe, die die Nachkommen zeugen, extern eingekauft werden. Ich weiß nicht, ob die speziell aufgezogen werden, aber so ist es. Ein männliches Schaf kostet rund 70 bis 80 Dollar und ein weibliches 40 bis 50 Dollar. Ein männliches Tier deckt 40 Weiber, sorgt also dafür, dass 40 kleine Lämmer geboren werden. Im besten Fall passiert das 2 mal im Jahr. So viel dazu.
Meine Frage war jedenfalls... auch, wenn man die Funktion nicht braucht... Warum denn den armen Tieren ihre Eier nehmen, selbst wenn sie geschlachtet werden? Gibt das zu viel Konkurrenz auf der Koppel, Testosteron = Aggression? Nicht wirklich. Sie wachsen “ohne“ einfach schneller... Zeit ist Geld. Das Leben ist kein Ponyhof und die Schafe sind das Einkommen. Man tut was man kann. Und genau das tun wir, sodass es den Schafen gut geht.
Dennoch können ältere Tiere bei der Geburt sterben oder zu schwach sein um zu Gebären und sie werden am nächsten Morgen tot im Busch liegend aufgefunden, kleine Lämmer erfrieren, durch das Treiben auf eine andere Koppel werden Tiere getrennt und finden sich nicht wieder zusammen, sodass Neugeborene orientierungslos und allein auf dem Feld stehen und zittern... Das sind Ausnahmen, die mich zu einer Mama von drei Lämmern gemacht haben.


Chase, Chops und Paddles - gerettet, adoptiert und konditioniert. Jeden Morgen stehe ich eine Stunde vor dem Frühstück auf, rühre die Milch und füttere die drei, bastle ihnen ein Haus aus Pappkarton, wasche die dreckigen Handtücher - auf die sie scheißen - und werde auf Schritt und Tritt verfolgt.




Sie rufen nach mir, wenn ich mich zu weit entferne, aber sie gewöhnen sich daran, dass ich immer wieder komme. Sobald sie die sich nähernden Schritte vernehmen, erklingt das Mähhh-Konzert. So liegen sie tagsüber in der Sonne und genießen das Schaf-Sein. Ein Job, der das Herz erwärmt. Doch, um dem Titel dieses Eintrags gerecht zu werden, ist die Tragödie nicht weit entfernt. Eines Abends starb Chops plötzlich in meinen Armen. Mutter Schaf starb bei der Geburt und er war schlicht und einfach zu klein und schwach, als wir ihn fanden, um sich an die neue Milch zu gewöhnen. Und dann ist da noch die andere Geschichte...
Normalerweise schlägt der Hund nachts Alarm, aufgrund der Kängurus, die um das Haus herum springen. Doch diese eine Nacht war es anders. Niemand ahnte es. Morgens auf dem Weg zur Hütte war es still, zu still... kein Lamm war zu hören, das ungeduldig nach Milch rief. Auch in der Hütte nichts als diese gruselige Stille. Durch das schummrige Licht des langsam erwachenden Morgens war kein Lamm zu sehen. Der liebevoll gebastelte Pappkarton war leer und der plötzliche Windstoß, der durch die Holzlatten aufheulte, schien wie bestellt. Es dauerte einen Moment, um die Gänsehaut abzuschütteln. Weit und breit nichts zu sehen, nichts zu hören, bis auf... fremde Spuren im Sand. Barry entdeckte, dass außerdem Benzin und eine Autobatterie fehlten. Diebstahl. Die Polizei gibt sich einfühlsam aber antriebslos. Passiert, kann man nichts machen, heißt es. Manchmal kommen sie mit Traktoren und stehlen so viele Schafe, wie sie transportieren können oder die Pakete voll Wolle, um Geld zu machen. Von den Schafen schneiden sie dann die Ohren ab, an denen die Markierung ist... Es muss jemand aus der Umgebung sein. Ein Arbeiter oder ein Farmer, jemand aus dem Dorf vielleicht. . Das sind das Leute, die wissen, dass hier Schafe sind, dass geschoren wird, dass Wolle herumliegt. Nur gut, dass die in 150 Kilo-Säcken gepackte Wolle bereits abgeholt und nach Perth zum Verkauf gebracht wurde. Später haben wir erfahren, dass einem benachbarten Farmner Chemikalien im Wert von 15.000 Dollar fehlen. Es ist traurig. Ja, man kann froh sein, dass nicht mehr fehlt.Eins ist sicher, ich werde des Nachts nicht alleine herum pirschen.
Das nächste Kapitel wird die Markierung unserer Lämmer sein. Mir geht es gut und ich lerne immer intensiver tief durchzuatmen und die Seele baumeln zu lassen. Wie lange es doch braucht, bis man irgendwo ankommt. Ich fühle mich schon nicht mehr fremd. Ich bleibe eine Weile, vielleicht bis Ende August. Ich nehme noch das Agrikultur-Fest des Dorfes mit, auf dem ich ein paar meiner Fotografien ausstellen werde.


Hier noch ein paar Bilder aus meinem Alltag: