...ich bin ein geschichtenerzähler aus der welt, berichte aus meiner sicht mit meinen gefühlen und meinen worten...

Donnerstag, 9. September 2010

in der ruhe liegt die kraft

Anfangs konnte ich es nicht erwarten! Ich wollte los. Reisen und nicht stehenbleiben. Schnell Auto und raus in unser Abenteuer! Und dann stand ich da, ohne Inga und ich wollte immernoch raus. Raus in mein Abenteuer. Und hab mich gefragt: Was willst du überhaupt? Finanziell ausgeschlachtet von täglichen Ausgaben, wie Hostelgebühren - ohne überhaupt vorwärts zu kommen - und überfüllt von Ideen und Anregungen... konnte ich kaum einen ruhigen Gedanken fassen. Es zog mich in die Wüste. Das Outback in der Vicotia Wüste!



Dies bot mir Zeit, Ruhe und eine kostenlose Unterkunft. Das war genau richtig. Der erste wirkliche Kontakt sozusagen. Das erste Mal, dass ich mich so fern gefühlt habe, dass mir bewusst wurde auf welcher Seite der Erde ich eigentlich bin. Aber so richtig ruhig wars dann ja doch nicht. Die Gedanken tobten in mir und sollten mich bald wieder losschicken: Was mach ich danach... gut du sparst Geld, du verdienst auch keins... und du bewegst dich nicht... du kommst nicht weiter... gut soweit... zurück in Perth hat mich der Zufall auf die Farm gebracht, hier nach Perenjori. Es sollten zwei Monate sein, um die Finanzen aufzustocken. Mittlerweile bricht für mich der vierte Monat an. Und dabei ist vieles, das ich nicht unbedingt schreibe, sehr fremd und teils auch unangenehm. Konträr eigentlich zu dem, was ich kenne. Vielleicht sollte ich dem einen Moment widmen...

Da wäre der Kohlrabi-Gestank auf dem Klo, die Unordnung, der Dreck, das autistisches Kind und der Umgang mit ihm, die vielen Tierhaare, jeden Morgen um 6 Uhr aufstehen, tote Schafe, Niesen (ohne Hand vorhalten) rücksichtsloses Rülpsen und Furzen der Männer, stereotype Rollenverteilung von Mann und Frau generell (immerhin: ich bin in beiden Aufgabenbereichen tätig), das Gerede im Dorf, in dem du immer und überall beobachtet wirst :) (…)

Es hat auch eine Weile gedauert, doch: Ich fühl mich wohl. Ich rümpfe das ein oder andere Mal die Nase, ja. Doch ich kann abschalten.

Da hab ich viele staunende Statements und Fragen darüber erhalten, wie sehr man sich wundere, dass es das Stadtkind Anne so lange auf dieser Farm aushält. Das hätte man nicht gedacht. Jahaaa... das wunderte mich auch. Es hat mich dann auch endgültig die Frage gepackt: Warum bist du eigentlich hier? Dazu ist mir folgendes Rätsel in den Sinn gekommen:


Was bekommt man mit der Geburt geschenkt, man besitzt es zwar, aber man muss es immer wieder für sich einfordern, weil es sonst in der Luft verpufft, verschwendet, verfliegt oder geklaut wird? … Zeit...

Wann nimmt man sie sich? Und ich meine nicht für die Familie, Freunde oder die Aufgaben im Alltag, sondern für sich? Irgendwann stehst du da und fragst dich wohin mit dir. Und du weisst es nicht, weil du gewohnt warst allgemeine Erwartungen zu erfüllen. Es ist überall auf der Welt schwer vor den „must have´s“ und den allgemeinen „to do“ Dingen zu fliehen.

Ich stehe hier mit meinen niedlichen 27 Jahren und dem Bachelor in der Tasche und bin vollgepackt mit seelischem Unrat, der sich über die Jahre angehäuft hat. Probleme, Entscheidungen, der Tod meines Vaters, Abschiede, Trennungen, Uni-Seminare, Präsentationen, Abschlussarbeit - und das alles parallel. Wie hab ich das gemacht? Und dann sollte ich mich von Karriere-Ideen fesseln lassen, ohne je die Frage im Ansatz beantworten zu können: Was will ich? Ich konnte einfach nicht mehr im Fluss schwimmen und meine Liste abarbeiten. Es war Zeit für eine Pause. Es war Zeit für meine Insel. Es war Zeit für Australien.

Und ich habe erst hier festgestellt, dass meine Reise nicht in den Abenteuern eines Durchschnitts-Touristen besteht, sondern – langweilig, aber wahr - schlicht und einfach in der Konfrontation mit mir selbst in der Fremde und dem, was sich daraus ergibt.

Und ich will die Fremde. Ich will keinen Reiseführer und keine Gruppenausflüge. Ich will keine Partymeilen erkunden oder Sightseeing-Touren machen. Naja... noch nicht, oder besser – deshalb bin ich nicht hier. Ich möchte meine eigene Reise, die nicht vorgeschrieben ist. Ich weiß nicht wie lange ich bleibe und wohin ich danach gehe. Aber ich nehme es wie es kommt. Mit der ausdauernden Ruhe um mich herum ordnet sich langsam das Chaos in mir. Ich lerne etwas über Geduld. Die brutale Ursprünglichkeit hier tut gut. Hier scheint der Kreislauf von Leben und Tod nicht im gesellschaftlichen Tabu verdrängt zu werden und ergibt sogar Sinn. Manche sagen das Landleben härtet ab. Ich sage, es macht mich mir selbst bewusster. Die Weite der Natur lässt mich tief durchatmen, die Pflege der Tiere wärmt das Herz und die verschiedensten Herausforderungen lassen mich meine Grenzen neu definieren. Sowie das Schlachten der Tiere mich nicht weniger hinsehen lässt, sondern mich sensibler macht für meine Sinne. Ich genieße die Natürlichkeit mit all ihren Widerwärtigkeiten.

Was wohl das widerwärtigste war, bisher? Ich denke, das war nicht mal das Schlachten der Schafe. Ich war mehr gespannt und überrascht von dem ganzen Ablauf, der wohl bei keinen mir vorstellbaren Gesundheitsvorschriften durchgehen würde... Man ist hier nicht so zimperlich. Und bewiesen ists auch, denn nach all dem – mir geht’s gut! Nachdem das Schaf von der Weide mit dem Quad überfahren wurde, brachten wir es in die Hütte.

Dort ging alles Fix. Zack, Messer durch die Kehle – bewundernswert diese rasierklingenscharfen Messer...

Mit Zigarette in der Hand und dem Bier in der anderen abwarten, bis das Tier ausgeblutet ist. Keine Minute später und das letzte Zucken ist vorbei. Ich dachte das Blut würde riechen, das Tier schreien, es würde ein Massaker... aber ich nahm nur den typischen Schaf-Wolle-Geruch wahr, die Tiere waren ruhig und das Blut floss wie rotes Wasser. Ich musste an die alten Römer denken, die sich zum Wohle der Gesundheit dem Aderlass unterzogen und auch auf diese Weise sich ihr Leben nahmen, wenn es für sie an der Zeit war. Es war merkwürdig das Leben so nah gehen zu sehen - bei Tieren, für die ich bisher immer gesorgt habe. Es schließt sich der Kreis. Ich verfolgte die gekonnten Handgriffe und stellte mir dabei ein Hühnchen vor. Ich weiß auch nicht, aber es half. Ich hab einfach öfter ganze Hühnchen gesehn als anderes „Fleisch“. Sobald dem toten Schaf der Kopf abgetrennt, die Beine gebrochen und gekürzt, sowie die Haut abgezogen wurde und es dann schließlich an den Haken kam, sah es auch auf wie ein großes Huhn... Hängend am Haken das Übliche: Der Rest der Wolle wurde vom Körper abgezogen. Auch ich bekam einen Versuch. Wie gesagt, ich stell mich den Herausforderungen... Ich weiß auch nicht was ich erwartet habe, aber Tot verbinde ich wohl automatisch mit kalt. Ich war so überrascht von der klebrigen Wärme von der frisch abgezogenen Haut unter dem Fell, dass mir schon komisch war. Das fertige Fließ, was man bei uns auf Weihnachtsmärkten kaufen kann, fiel auf den Boden. Dort ausgebreitet mit der Haut nach oben fing es die Innereien auf, die durch einen Schlitz im Bauch ausgenommen wurden – wie ein großes Huhn eben. Das „fertige“ Schaf kam ins Kühlaus, wo es mind. 24 Stunden hing, „to set the meat“.

Ein, zwei Tage später kam das „Stück Fleisch“ durch die Säge. Ein zerlegtes Schaf passt gerade so in eine (australische) Kühltruhe.

Und meine lieben Freunde der gediegenen Esskultur: Es gibt nichts herrlicheres als frisches Schaf!

Es ist so unglaublich zart und … einfach mmmmhhhh lecker, unvergleichlich. Ich liebe es! Das Barbeque nach dem „kill“ hat – Verzeihung im voraus für die Zartbesaiteten – alles wieder gut gemacht. Es tut mir sooooooo leid, dass ich nicht den Geschmack hochladen kann!

Okay, ich weiß, klingt brutal aber hey das ist Natur, da kommen wir her, das habt ihr auf euren Tischen – wahrscheinlich mit deutschen Hygienevorschriften, gewaschenen Händen, sauberen Böden und desinfizierten Messern... Aber Sterben und Zerlegen gehört dazu. Ich hab natürlich alles videodokumentiert, aber ich spar mir/euch das.

Unseren Farmhund Blue hab ich ja schon zu Beginn vorgestellt. Ja auch der hat so seine Freude gehabt. Da das Ganze in der Scher-Hütte stattgefunden hat, die etwas erhöht auf Balken steht und deren Boden wie ein Lattenrost offen ist, floss das Blut hindurch und tropfte herunter. Unten wuselte Blue ungeduldig und glückselig umher, schleckte gierig nach der Blutdusche und sah danach aus als hätte er selbst das Tier gejagt.

Jedenfalls... Ich glaub das widerlichste bisher war die Aufgabe, die mir zwei Wochen darauf erteilt werden sollte. Frei nach dem Motto: Ach wir sollten das vielleicht sauber machen, wurde ich mit nem Eimer heißem Spülwasser in die Hütte geschickt, wo die Fleischsäge gereinigt und von Resten befreit werden sollte.

Zuerst war mir das gar nicht bewusst, aber klar nach zwei Wochen offen liegenden Fleischresten, die schon allein relativ unsympathisch waren, bin ich in die Falle gedappt. Als mir vom Schwamm die kleinen weißen Würmer herunterfielen, naja... das mag jetzt banal erscheinen nach all den bisher beschriebenen - für manch einen mehr grausamen Dingen – aber ich habs nicht so mit Maden...

Das war selbst ekliger als die Hühner, zu verfrachten... Ja ich bekomm hier nicht nur frisches Fleisch, sondern auch frische Eier, denn wir haben Hühner. Und, da wir den Bestand aufgefrischt haben, sollte ich die kleinen Dinosaurier (wie ich sie liebevoll nenne) an den Füßen packen und vom Käfig in ihr Gehege werfen... Auch hier sollte man keine Tierschützer einladen. So wie diese armen Kreaturen verkauft werden, wundert mich mein Ekel auch nicht mehr. Ihr glaubt nicht wie sehr Hühner stinken können!? Diese gelbe Kacke klebte überall...

Abgesehen von der ein oder anderen unangenehmen Geschichte Ja... zusammengefasst... alles super! Ich übe mich nicht nur im Traktor, Ute und Quad fahren, oder im Tiere pflegen (bin wieder Mama von 2 Lämmern)

und töten, im Reparieren und Warten, in Dreck und Öl eingekleidet zu sein usw. sondern auch im Nähen, Kochen und Backen. Ich habe nicht nur Photographien bei der Agrikulturshow ausgestellt, sondern auch mit meinem dekorierten Kuchen den 3. Platz gewonnen:

Ich habe ein eigenen Quilt genäht, einen Teddybären selbstgemacht und mein nächstes Projekt ist eine eigens kreierte Handtasche.

(Ted, der Bär)

Alles, versteht sich, im australischen Style. So vertreibe ich mir meine Abende! Auch immer mal wieder sind Ausflüge in meinen Arbeitstag integriert, sodass ich schon so ziemlich jede Stadt im Umkreis von 400 Kilometern kenne, mich schon eigenhändig mit dem Jeep von Town zu Town bewege und bisher ist mir nicht langweilig geworden. Und während hier in Australien der erste Klimawandel zu verzeichnen ist - mit Regenfällen in der Trockenzeit, die Helikopter dazu zwingen feststeckende Touristen auszufliegen und ganze Stadtteile evakuiert werden - genieße ich hier die Sonne, wenn ich mit dem Malboro-Mann die Schafe jage!

Und Morgen besuch ich übers Wochenende meine Freunde in Perth!

Also...meine Reise wartet noch auf meinen Startschuss. Ich bin hier, um nicht hier zu bleiben.

Keinen Grund zur Sorge! Ich komme zurück in die Stadt. Ich nehme mir nur meine Auszeit. Ich hole mir meine Kraft zurück. Und dabei habe ich mich lange nicht mehr so lebendig gefühlt!


Ich bitte also um etwas Geduld von meinen lieben Lesern, bis die spannenden Geschichten von den verschiedensten Orten und Menschen all over Australia folgen...und nicht vergessen: Immer mal die Zeit anhalten!


... Eure Anne

Und hier folgen wieder ein paar Bilder aus meinem Alltag...


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