Station Mandurah.
Von der Farm zurück hab ich mich erstmal wieder im guten alten Perth einquartiert. Mein alter Boss hat dort eine Wohnung für all die Dinge, die man eben nur in einer Stadt erledigen kann - wie zum Beispiel Arzttermine - und da er nicht möchte, dass ich unnötiges Geld ausgebe, gab er mir die Schlüssel. Ich habs mir also gemütlich gemacht. Der Abschied von meiner Ersatzfamilie war herzlich und Barry hatte sogar Tränen in den Augen, wovon er selbst ganz peinlich berührt war – ein schöner Moment. Als ich dort zum letzten Mal den Hörer abnahm rief Anissa an, die Frau von der Jobagentur in Perth, die mich auf die Farm gebracht hat, um das neue Mädchen zu vermitteln. Wir hatten so ein amüsantes Kurzgespräch, dass ich ihr versprach in ihrem Büro vorbeizukommen und ihr die Bilder von meinem Aufenthalt zur Verfügung zu stellen. Damit sie mich nach all der Zeit wiedererkennt werde ich den Cowboyhut tragen, der mich vor der beißenden Hitze so gut beschützt hatte.
Gesagt, getan. Zurück in Perth bin ich mit Jack (= mein Auto) tagsüber sowieso immer ins Hostel gefahren, oder hab Ausflüge an den Strand oder ins Aquarium gemacht. Allein im Haus, da fällt dir die Decke auf den Kopf. Da schau:
Ich kam also mit Cowboyhut durch die Tür, umzingelt von ausgezehrten Jobsuchenden, die mich alle anstarrten als stände mein Pferd noch vor der Tür – wieder ein toller Moment. Sie sah mich und winkte mich zu sich. Ich war ja zu Gast. Das konnten die Blicke derer, die da seit 3 Stunden wartend sitzen und im Begriff waren mich zu töten, natürlich nicht wissen. Zumindest war es so geplant. Smalltalk, Bilder ausgetauscht, viel gelacht, dann kam die Frage:
„Was hast du jetzt vor?“
Hmm. Reisen, ja... natürlich hab ich zwischendurch immer mal wieder meinen Kontostand gecheckt und mir gedacht: „naja..“ und dann hab ich gedacht „hmm...“
Und sie sagt: „Ich hab da was für dich... das würde zu dir passen... wie wärs in nem Countrypub?“
Ich wusste nicht so recht. Ich war oft im Pub und wollte eigentlich mal was anders sehn.
„Aber“, sagte sie, „ich hab da noch was anderes! Und da gehst du hin! Wenn du was anderes sehen willst und doch noch mit Freunden Kontakt halten willst, um deine Reise zu planen... das ist perfekt!“
Ihre Schwester, deren beste Freundin hat eine Firma in Mandurah...
„Sie geht für 2 Wochen auf Urlaub in Bali und sucht jemanden, der auf den Hund für sie aufpasst. Eigentlich auch jemanden, der im Büro für die Zeit aushilft, aber ich weiß nicht, ob sie einen Backpacker will, ich ruf sie an.“
Nach dem Telefonat hab ich mir gedacht, jetzt weiß ich wie man sich am besten bewerben sollte. Ich selbst hätte mich nie so beschrieben „Sie ist quasi schon Australierin, so wie sie spricht“ Ich wurde rot. Das Telefonat war beendet und sie rief zum Assistenten rüber „Druck mir die Papiere aus“
Und da waren sie - die Kontaktformulare für die Accountant Position in Mandurah.
Sie sagte zu mir: „Sie ist sich nicht ganz sicher, ich hab ihr deine Nummer gegeben. Sie ruft dich nach der Arbeit an. So, wie ich sie kenne, lädt sie dich zu ihr nachhause ein und ihr werdet euch sicher gut verstehn. Der Job würde am 3.1. anfangen. Du kannst im Countrypub arbeiten, um zwischen den Jahren was zu tun zu haben, wenn du willst.“
Und so sagte ich: „Ja. Ich glaub das wär interessant.“
„Der Job ist dann nur für ne Woche..“
„Für solange kann ich das genießen und ein bisschen extra Geld ist gut. Silvester im Pub, warum nicht?“
„Komm morgen wieder, wenn du mit Jennifer gesprochen hast, dann machen wir Pläne“
Währenddessen, so glaube ich, wurden einige der Augen um mich herum mehrfach gerollt. Ihr fragt euch sicher, ob ich nicht langsam losreisen will? Ja wisst ihr, es ist eben die Frage, ob man mit knappen Budget losstürzt, mit der Gewissheit in der nächsten Stadt sofort auf Jobsuche zu gehen. Oder, ob man nochma bisschen was beiseite legt, um in der nächsten Stadt erstmal zu entspannen. Ich bin ja eher der Entspanner-Typ.
Das Telefonat mit Jennifer war so entspannt und freundlich, dass ich das Gefühl hatte ich würde mit jemandem telefonieren, den ich schon ewig kenne. Sie lud mich ein zu Steak, Salat und Bier am Freitag Abend, wenn wir uns zu gut verstehen und zu viel trinken, könne ich da schlafen. Abgemacht.
Also am nächsten Tag kam ich zurück in die Jobagentur und Anissa fragte mich, ob ich denn gerne putze mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Ich grinste zurück und sagte so was ähnliches wie:
„Natürlich nichts lieber als das, dafür habe ich studiert!“
Wir haben uns verstanden... Charmant und offenbar verzweifelt plane sie über Weihnachten und Silvester nach Kalgoorlie zu ihrer Familie auf die Station Farm zu fahren und zuhause sei Chaos. Ob ich ihr helfen könnte ein paar Stunden etwas klares Schiff zu machen, sie käme nicht dazu. Ich könne früh morgens zu ihr und dann direkt zum Countrypub, der Job in Mandurah finge ja erst im Januar an.
Wisst ihr Leute, manchmal muss man nehmen was kommt und gar nicht drüber nachdenken, wenn der Moment zu irreal und witzig ist. Und so sagte ich:
„Hey klar, du hast mir schon so oft weitergeholfen, warum nicht?“
„Wirklich?
„Ja, wirklich“ Da wusste ich dann auch nicht mehr so recht, ob das gut war...
Was soll ich sagen? Wir hatten eine unglaublich lustige Zeit, haben Bier getrunken und Barbeque gehabt, waren in Tron legacy 3D, haben Gespräche bis tief in die Nacht geführt und wir sind Freunde geworden. Countrypub hat nie stattgefunden. Ich blieb die komplette Woche.Und am Ende hat sie mir das Gleiche gezahlt, was ich da verdient hätte. Im Gegenzug hab ich das Zimmer ihres Sohnes wieder betretbar gemacht. Sie bat mich sogar zu überlegen für sie als Assistentin zu arbeiten und dafür gesponsert zu werden. Das heißt, dass sie mir ermöglichen würde Australierin zu werden. Doch Leute im ernst jetzt... Ihr wisst wo mein Zuhause ist. Und ich bin ja wirklich hier um auch was von dem Land zu sehn. So blieb ich bis Neujahr in Perth und konnte tagsüber meine Freunde treffen. Unfassbar, aber wahr, ich hab wieder alte Gesichter angetroffen und Silvester wurde ganz gediegen bis zum Morgengrauen gesoffen.
Auf Arbeit – Kaffee und ran ans Telefon. Der Tag vergeht rasch und unterhaltsam. Die ersten Stunden an der Strippe schlug mein Herz in die Höhe – versteh ich alles richtig? Was sind das für exotische Straßennahmen? Können sie das bitte buchstabieren? Alles drei mal wiederholen.. Hauptsache die Telefonnummer stimmt, just in case... Mittlerweile alles läuft und läuft und läuft, bis um 16Uhr. Eine Stunde vor Feierabend trinken wir ein Bier. Wenn´s mal länger nicht klingelt holen wir Stühle aus dem Raum und setzen uns vor die Tür in die Sonne.
Ein ganz normaler Tag, ganz weit weg, wie als würde ich ein ganz normales Leben führen – nur, dass es nicht meins ist.
Jennifer kommt bald zurück und wir tauschen wieder Rollen. Ich werde wieder Reisende sein.
Und dann geht’s ab in den Osten!
Ich bin also sicher vor der Flut. Während im Osten gegen Wasser gekämpft wird, kämpfen wir hier gegen Feuer. Es war ein stürmischer, heißer Tag, der die Bäume um das Büro hin und her geschüttelt hat. Ich schaute aus dem Fenster und sagte: Wow das ist ne massive Wolke. Was mag das sein? Das ist kein Sandsturm! Das ist Rauch! Lake Clifton bei uns um die Ecke ist abgebrannt. Das Feuer wurde absichtlich gelegt. Die Suche nach dem Täter läuft. Der Wind machte das Feuer stark, so dass es stellenweise über 500 Meter gesprungen ist. Einige unserer Truckee's sind freiwillige Feuerwehrmänner, die über 24 Stunden versuchten dieses zündelndes Monster zu bekämpfen. Doch es ist zum Glück nicht annähernd so zerstörerisch wie die Flut gewesen. Es wurden “nur“ 10 Häuser und mehr als 1660 Hektar Land zerstört. Es kam niemand ums Leben.
Australiens erster Klimawandel intensiviert die Regen- und Trockenzeit. Zwei Drittel Queenslands ist überflutet, das ist mehr als Deutschland und Frankreich zusammen! Wenn ich die Bilder und Berichte sehe, wirkt alles so unwirklich. Ich kann mir das Ausmaß dieser Katastrophe nicht vorstellen. Menschen, Tiere, Häuser, Autos, ganze Geschäfte... weggespült, treiben sie in einem Strom der Zerstörung. Diejenigen, die in Boten versuchen sich und andere zu retten, müssen sich vor sich retten wollenden Schlangen retten, die versuchen in die Bote zu kriechen oder von Ästen fallen. Tausende freiwillige Helfer sind aus dem Norden und Süden eingetroffen um zu helfen, doch es wird für alle Bewohner nie wieder dasselbe sein. Es wird Jahre dauern bis sich der Bundesstaat von diesem Naturgewalten-Krieg erholt hat. Unvorstellbar.
Und ihr seht also im Großen und Ganzen - all unsere täglichen Probleme sind nichts!
Deutschland, uns geht es gut...
Bis zum nächsten Mal
Eure Anne!









Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen