Meine Zeit in Mandurah ist nun schon fast wieder einen Monat vergangen und Erinnerungen überschlagen sich förmlich. Es wird also Zeit, dass ich sie wieder mit euch teile und etwas Ordnung in die vielen Erlebnisse bringe.
Es war, wie es begann und wurde doch noch besser. Am Telefon blieb mir das Herz bald nicht mehr stehen, die Straßennamen ergaben irgendwann sogar Sinn und ich kämpfte nicht mehr dauerhaft um Verständnis gegen den Dialekt eines durchschnittlichen australischen Bauunternehmers, der den Müllcontainer am besten gestern geliefert bekommen haben wollte und die Details für die Lieferung charmant in seinen Bart brummelt. Meine kleinen Missverständnisse haben bei uns Frauen im Büro das ein oder andere mal zu kreativen Ratespielen gesorgt und wir haben viel gelacht. Und dann hat mich meine Arbeitskollegin eingeladen den Australia Day mit ihr zu verbringen, denn es hieß: „Wie du bist in Australien und warst noch nie auf ´nem Boot? Das geht ja wohl nun nicht...“ Früh morgens bin ich also zu ihr gefahren – an das Haus am Fluss... Bier gepackt, Schnitten gemacht und rauf aufs Boot, rein ins Wasser. Da tuckerten wir herum durch den ein oder anderen Flussarm aufs weite Meer.
Nicht, dass das schon genug des guten wäre NEIN man liegt da nicht einfach auf Anker und trinkt Bier. Man fährt Jetski, Wasserski, fischt, erzählt und man trifft sich, hoppst von einem Boot aufs andere, springt ins kühle Wasser bis man - hoffentlich nicht verbrannt und dehydriert - zum nächsten Anlegeplatz fährt UND trinkt Bier. Also? Ja klar! Da bin ich auf den Jetski gesprungen und schnell wie der Wind über die Wellen gepeitscht. Berauscht vom Bier, dem Wind und dem salzigen Wasser, das mir hart ins Gesicht peitschte, flog ich nur so über die raue See, balancierte mich gerade so in den Kurven, so dass ich es in letzter Sekunde noch geschafft habe nicht den Halt zu verlieren und krallte mich förmlich in die Handgriffe, denn wer will bremsen, wenn man unendlich weit und ohne Hindernisse Gas geben kann!
Doch... wovor mich natürlich niemand gewarnt hat, dass mir sogar am selben Abend, trotz der Menge an Alkohol in meinem Blut, auf einmal und ganz plötzlich meine Arme und Beine so schwer wurden. Und dann bereitete sich langsam und tückisch dieser brennende Schmerz aus. Selbst mein Hintern! Es war der fieseste Ganzkörpermuskelkater, den ich wohl je hatte. „Ja“ hieß es dann nur „wir wollten dich eigentlich warnen, dass heute sehr starker Wellengang ist... aber du hattest so viel Spaß... es ist doch immer am Besten die eigenen Erfahrungen zu machen“... Gelähmt und verkatert bin ich am Ende sehr glücklich in den Schlaf gefallen.
Und wenn ich mal am Wochenende nichts zu tun hatte, so lag ich am Strand, bin ein paar Runden geschwommen und habe die Welt, Welt sein lassen.
Zwischendurch bekam ich ein langes Wochenende frei und konnte nach Melbourne fliegen. Warum? Naja... ich stoß im Internet auf eine alte Schulfreundin, mit der ich – wie es manchmal so läuft – total den Kontakt verloren hatte. Da hat sie doch ihr Bild in ein Hochzeitsportrait geändert. Und als ich so aus Neugierde drauf klickte, verriet mir ihr Profil, dass sie in Melbourne wohnt. Doch sie schnappt sich nicht nur den Australier, sie bringt ihn auch nach Deutschland und ihr Flug ging so ziemlich bald. Es war einfach perfektes Timing und ein schöner Kurzurlaub, auch wenn wir mit gekreuzten Fingern im Hybridauto durch Melbournes überflutete Straßen geschwommen sind, wir waren wie damals, wir waren wieder 16 und es hätte kommen können was wollte, wir hatten Spaß! Und wenn wir auch im stehenden Verkehr am Notstreifen halten mussten, weil Anne im strömenden Regen neben der Autobahn auf den Grünstreifen pinkeln musste, konnte die Stimmung nicht heiterer gewesen sein, als ich dann die nassen Klamotten hinten ins Auto geschmissen habe und halbnackt nach Hause gefahren wurde!
So verging die Zeit natürlich zügig. Aber bevor ich dieses Kapitel beende, darf ich nicht die Fahrer in unserem Team vergessen zu erwähnen! Wenn man die Truppe der urigen Truckfahrer zusammen vor dem Bürocontainer Bier trinken sieht wird einem schon ganz anders. Wie im Film stehen sie da, in ihren dreckigen neon-gelben Arbeitershirts, in ausladenden Gesten übertönen sie sich mit ihren Geschichten und den großen Truck bewegen sie sich als handele es sich um einen kleinen schnittigen Stadtflitzer. Zu Beginn relativ eingeschüchtert von diesem Bild wurde mir doch sehr schnell klar, dass dies die liebsten Kerle sind, die man wohl auf diesem Kontinent finden kann. Aufgeschlossen herzlich, unglaublich humorvoll und jaaa man ahnt es kaum - verkappte Gentlemen der alten Schule. Sie halten dir die Tür auf und achten sehr wohl darauf wie sie sprechen, wenn eine Frau vorbeigeht, obwohl das bei mir nicht lange hat halten müssen. So umarmten sie mich zum Abschied, unterschrieben alle auf einer Karte und gaben mir zudem gute Insidertipps für meine weitere Reise.
Vor ca. 3 Wochen hörte ich also auf zu arbeiten. Direkt danach zog ich für 16 Tage los auf meinen ersten Roadtrip. Zusammen mit einer 20jährigen Deutschen, einem 22jährigen Franzosen und dem voll bepackten Jack machten wir uns auf - auf unser Abenteuer. Es ging von Perth an der Küste entlang runter in den Süden durch Wälder, vorbei an Stränden rüber nach Esperance. Von dort über Wave Rock diagonal zurück nach Perth, wobei wir uns spontan entschlossen haben den letzten Tag nördlich in der Pinnacles Wüste zu verbringen. Es haben sich ca. 30 Leute auf meine Anzeige gemeldet doch gegen Ende des Castings blieben nur diese zwei übrig. Wir trafen uns bei Mc Donalds in der City und sprachen über verschiedene Erwartungen, Kosten und Zeitlimits. Da der Franzose einen Flug nach Malaysia und die Deutsche einen Flug nach Melbourne für den 17.März gebucht hatten, hatten wir 16 Tage zur Verfügung, die nach meiner Kalkulation dicke ausreichen sollten. Vorweg kann ich sagen, dass wir die anfangs für die Reise berechneten Kilometer durch unsere wilde Fahrerei ganz leicht verdoppeln konnten.
Julien war aufgeschlossen und ein bisschen unkonventionell, hat so gut wie nie aufgehört zu reden und ich kam von vornherein super mit ihm klar, der Humor hat gestimmt. Sarah war da etwas zurückhaltender und ich hab schon gedacht, hoffentlich geht das gut in einer Dreier-Gruppe, in der sich keiner ausgeschlossen fühlen sollte. So versuchte ich ein wenig aus ihr herauszulocken. Sie sprach nicht wirklich gutes Englisch und das mag es gewesen sein, was sie etwas hemmte sich den Gesprächen locker anzuschließen. Sie machte trotz ihres Lächelns einen etwas verschlossenen Eindruck.
Für unseren ersten Einkauf haben wir ausgemacht grundlegende Nahrungsmittel zu teilen. Alle drei wollten wir Geld sparen, also günstig leben. Sarah - ein süßes, kleines Mädchen, das so schlank ist wie eine Gazelle. Multipliziere Sarah mit 3 und vielleicht ergibt das dann meine Gestalt – machte uns klar, dass sie auf Diät sei. Ich respektiere merkwürdige Eigenarten und habe ihr zugestanden, dass sie ihre Feinde, die Bauchfalten unter ihrem Sommershirt verbirgt. Wie hätte es anders sein können, liebe Freunde, da war kein Bauchfett.
Und es ist.... okay, wenn ich am Strand mit nem Bier in der Hand entspanne und die kleine Gazelle ihre sportlichen Übungen neben mir verrichtet zur heißesten Stunde des Tages... verstörend. Okay also die Einkaufsliste. Wir brauchen Brot, sie isst kein Brot.... wir können es aber trotzdem teilen, sagt sie. Äh... naja... Wie wärs mit Nudeln, schlägt sie vor. Ach so Nudeln isst du? sage ich... bedachte darauf, dass das ja eine Kohlenhydrat-Reduktions-Entscheidung sein kann auf Brot zu verzichten. Daraufhin schaut sie mich ziemlich verwirrt an und sagt Ja warum denn nicht? Kein weiteres Kommentar. Ich konnte sie noch davon überzeugen, dass der Salat nicht lange im Auto überlebt und wir anstatt Milch, Milchpulver kaufen, doch wir können immer mal wieder frisches Obst holen. Abgemacht, gesagt, getan.
Grundsätzlich war das Einkaufen wohl das Frustrierenste. Ich mag es einfach nicht, wenn Menschen sich stundenlang in einem Laden aufhalten und jeden Artikel in die Hand nehmen, alle Inhaltsstoffe prüfen, sich es dann doch anders überlegen und bei elementaren Produkten die Preise dreimal studieren. Ja ich weiß, wir sparen alle. Doch ob das Brot hier jetzt 3 Cent mehr kostet als im nächsten Ort, wir brauchen Brot! Es gab Momente, da gab ich auf und kaufte einfach eine Handvoll Kleinigkeiten, da sich niemand entscheiden konnte oder das Produkt um 5 Cents gestiegen ist, weil wir immer weiter entfernt von größeren Städten waren. Entscheidungen waren generell in dieser Gruppe nicht leicht zu treffen. Eine andere frustrierende Angelegenheit, wenn man Auto fährt...
Ich finde gut, dass man spontane Abzweigungen nimmt und etwas von der Route abkommt, sieht was es noch so zu entdecken gibt und sich auch ein wenig davon treiben lässt. Doch... wenn ich auf dem Highway 110 kms fahren soll, ich immer noch nicht weiß, ob der Konsens nun ein „Ja auf geht’s“ sein wird oder ein „Ne lass mal weiter fahren“ die nächste Abfahrt immer näher rückt, hinter mir der nächste Fahrer immer dichter kommt, ich immer langsamer werde, dann... steigt die Spannung. Und wir kommen näher und ich fahre langsamer, der Fahrer hinter mir hat mich längst überholt, eifrig blättert der Franzose im Kartenbuch und die Deutsche erzählt was wir so alles machen können und du siehst nur das nächste Schild und sagst „Ich fahr da gern ab, wenn ihr wollt, sagt mir einfach, ob ihr das jetzt machen wollt, oder nicht.“ Mittlerweile fahre ich 50 kms, höre nur ein hmm ja naja von hinten und von vorne joah wir könnten und zack bin ich vorbei gefahren. Dann sagt der Junge noch ich fahre zu schnell, denn so schnell könne man sich nicht entscheiden. Ich sage nur, na dann wars wohl nich so wichtig.
Ich mochte den goldigen französischen Akzent, die unterhaltsamen Geschichten und absurden Abenteuer. Er wuchs auf in Montpellier, ein Waldmensch, Jäger und will Ranger in einem Nationalpark werden. Er war unser Kartenleser und unser Führer durch die Wälder. Wir sind über Absperrungen geklettert, sind unsere eigenen Wege gegangen und haben somit unser eigenes Abenteuer kreiert.
Wir schliefen wild im Wald umzingelt von Füchsen, Wildschweinen, Opossums, Kängurus, Quokka und Spinnen. Die Wolf spider, so sagte er immer, wenn sie dich beißt kannst du Arme oder Beine verlieren. Und er zeigte sie uns, wenn man nachts mit der Taschenlampe auf sie strahlt, sieht man die Augen funkeln wie kleine Diamanten. Die Taschenlampe musst du auf Augenhöhe halten... und so erzählte er uns von den unterschiedlichsten Gefahren, die sich gerade in diesem Augenblick um uns herum befinden. Auch wenn wir nicht alles glaubten... seine Gruselgeschichten haben Spaß gemacht und uns unterhalten, sodass ich mich irgendwie wieder so gefühlt hab wie mit 6 Jahren allein im Zelt draußen im Garten bis mein Bruder mich erschrickt. So kam auch Julien des Nachts an unser Zelt hat Tierlaute nachgeahmt, Blätter und Äste an unser Zelt geworfen. Er war so konsequent, dass er teilweise Stunden gewartet hat, damit wir uns auch wirklich erschrecken. Irgendwann waren wir so abgestumpft, dass wir gar nicht mehr reagiert haben. Doch überrascht hat er uns immer wieder.
Eines Abends fuhr ich auf der Suche nach dem nächsten Rastplatz durch den Sonnenuntergang vorbei an dicht bewachsenen Wäldern. Nach einer scharfen Kurve sah ich plötzlich vor mir einen Waran die Straße kreuzen – er hatte keine Chance. Ich habe ihn getötet. Julien wollte ihn unbedingt sehen, es war seit Stunden kein Auto auf den Straßen also entschloss ich mich mitten auf dem Freeway herumzudrehen und am Straßenrand zu halten. Er stieg aus, begutachtete das Tier und mit einem Funkeln in den Augen, total glücklich hielt er es in die Höhe. Sarah und ich tauschten fragende Blicke. Er kam stolz aufs Auto zu und sagte, Anne du bist ein super Killer, du bist über den Kopf gefahren! Wir können ihn zu Abend essen. Du hast uns Dinner gemacht! Sarah schlug die Autotür zu, ich schloss von innen ab und wir schrien, NEEEEEIIIIN, du kommst mit dem Tier nicht ins Auto, ich glaub ich muss mich übergeben...
Nach langer Diskussion, wir waren alle müde und ich musste noch eine Stunde im Dunkeln fahren, gaben wir bei und ließen das Tier in einer Plastiktüte zwischen seinen Beinen ruhen. Im nächsten Ort musste ich sofort zum nächsten Bottleshop fahren – ich brauchte Bier. An diesem Abend tranken wir alle. Rasch bauten wir die Zelte auf, während Julien ein Feuer machte. Für den Mann vom Shop muss ich verstört gewirkt haben, so dass er uns fragte ob alles okay sei. Ich lenkte dann ab und fing ein Gespräch über die Strecke an und dass man ja leider kein Feuer machen darf - Waldbrandgefahr. Er gab uns eine Karte, sagte es sei nicht mehr weit und wir könnten sogar Feuer machen, erzählt das nur keinem, sagte er. Ja, wir haben gerade ein geschütztes Tier getötet, haben einen Irren im Auto, der das jetzt Essen will und wir machen illegal Feuer, ne wir reden mit niemandem darüber, so dachte ich. Danke.
Der Rastplatz war hinter ein paar Büschen und Bäumen neben dem Freeway kurz vor einer Kreuzung. Jedes Auto, das also vorbeifuhr bremste für die Abfahrt und unser Herz blieb stehen.
Die Strafe für Feuer in der Trockenzeit ist nicht ohne und dann noch einen zerlegten Waran im Feuer zu haben macht die Sache nicht sympathischer. Währenddessen versuchte uns Julien davon zu überzeugen das Tier zu probieren. Es sei ja auch nur ein anderes Reptil, Menschen essen Krokodile. Wo er herkommt, isst er alles, was er tötet. Man sagt, dass dich der Geist des toten Tieres heimsucht, wenn du es nicht isst. Man muss das Leben respektieren und dem Tot einen Sinn geben. Sarah sagte: Weißt du ob das Tier giftig ist? … Nein, aber es ist nicht viel Fleisch dran und wir werden sehen wie´s mir morgen geht. Er grinste, er war glücklich, er war in seinem Element. Immer schon wollte er mal so ein Tier essen. Nächstes Mal Anne, da killst du mir ein Känguru ja?
Ich schüttelte den Kopf. Ich mein Wir haben ja schon Emu-Ei gegessen. Du kannst ja noch ne Heuschrecke haben? Also ich bin satt...
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| einmal emu-ei bitte... |
Er meinte es schmeckt wie Fisch. Ich wollte es wenigstens mal riechen. Der Schwanz sei das Beste, die Beine sind nicht so gut.
Der Geruch brannte sich durch meine Nase. Es roch wie alter, rauchiger Fisch, hatte aber noch eine andere Note, die ich nicht bestimmen konnte. Ich sagte okay. Ich probiere, gib mir ein Stück.
Der Geruch brannte sich durch meine Nase. Es roch wie alter, rauchiger Fisch, hatte aber noch eine andere Note, die ich nicht bestimmen konnte. Ich sagte okay. Ich probiere, gib mir ein Stück. Und ich kaute auf zähem, trockenen Stinke-Fisch-Fleisch herum, bis sich der Geschmack von Pisse in meinem Mund breit machte und ich spuckte alles aus, nahm einen großzügigen Schluck Bier und schüttelte mich.
Sarah enthielt sich. Sie war auch etwas genervt. Tage zuvor schon versuchte Julien dauernd sie zu beeindrucken und selbst ich schlüpfte manchmal in die Mutterrolle, um ihn wieder auf den Boden zu holen. Er war sehr leicht zu begeistern, aber sehr schwer wieder herunterzuholen. Eher schlug seine Stimmung von einem Extrem ins andere, so dass man ihn lieber seine Abenteuer ausleben ließ, als mit der depressiven Stimmung umzugehen, wenn man ihm nicht seinen Willen lässt. Unten im Süden wurde es in manchen Orten Nachts sehr kalt. Dank meiner Mutter und dem guten deutschen Outback-Geschäft zahlte sich hier mein Winterschlafsack aus. Sarah hatte nur eine dünne Decke und schlief in Zwiebel-Schichten. Julien im Zelt neben uns verstand es Werbung zu machen und bat Sarah an, sie zu wärmen, einfach mit seiner Präsenz, doch er muss sie warnen er schlafe nackt. Und dann kam er rüber, legte sich zwischen Sarah und mir. Nach einer halben Stunde wars mir zu viel, total übermüdet von der vielen Fahrerei ließ ich die beiden im Zelt und nahm das andere in Beschlag. Am nächsten Morgen ließ mich Sarah wissen, dass sie ihn eigentlich nicht da haben wollte, er sie ständig versucht habe zu küssen und sie nicht viel schlafen konnte. Sie konnte ihm aber auch keine klaren Zeichen geben. Es war ein Mix von – ich hab gern Bestätigung, aber interessiert bin ich nicht.
Nun ja. Zudem wurde das, was ich anfangs so sympathisch fand, mehr und mehr unerträglich. Es war nur noch anstrengend, ohne Atempause sitzt er neben mir und redet und redet, wiederholt seine Geschichten und alles erscheint mehr und mehr wie Profilierung. Du sagst nur noch jaja und lächelst höflich. Du drehst das Radio lauter und er erzählt weiter. Dann nuschelt er und verschluckt Silben und du musst dich schwer konzentrieren den Sinn dieses FranzEnglischs herauszufinden. Er ist persönlich gekränkt wenn du sagst, dass du mal einen Moment nicht reden möchtest und seine Stimmung bleibt den ganzen Tag down. Am Anfang versuchst du noch ihn wieder zu motivieren, doch irgendwann ist dir das zu doof. Immer möchte er das Zentrum der Aufmerksamkeit sein und wenn er diese nicht bekommt zieht er ein Gesicht, als habe man ihm seinen Lollie geklaut.
Im Gegensatz dazu doch verwunderlich wie gut Sarah und ich miteinander klar kamen. Während sich unser Frust gemeinsam mehr und mehr gegen den Franzosen aufbaute, kamen wir mehr und mehr zusammen. Das Eis schmolz und wir verstanden uns super. Nachts im Zelt lagen wir wach, erzählten uns, hörten Musik und lachten gemeinsam über die kuriosen Momente. Nichts desto trotz mochte ich den Jungen ja. Er nervte nur und er merkte es nicht. Ich versuchte also uns wieder ein bisschen zusammenzubringen und sprach von:
Wir sind eine Gruppe, lasst uns Entscheidungen gemeinsam treffen, sei nicht persönlich beleidigt, wenn ich das und das sage, ich brauch auch meine Momente, wir müssen auch nicht alles zusammen machen, wir können uns gerne mal aufteilen...
Insgesamt verwandelte sich die Reise in eine Art Army-Camp. Wir rannten durch Wälder, erklommen Berge und wanderten 6-10km am Tag. Während ich spazieren gehen wollte, um was schönes zu sehen, wollte Sarah einfach nur laufen und Julien sprintete durch die Walking Trails ab ins Unterholz, Hauptsache Wald. Irgendwo dazwischen war dann ich zu finden. Wir kletterten über Steine an der Küste und achteten auf jeden Fußtritt, sahen Schlangen unseren Weg kreuzen, die sich auf den Steinen aufwärmten. Und ab und an hatte ich dann das Bedürfnis unseren Waldläufer (wie ich ihn nur noch nannte) zu bremsen:Als Julien mit seinen Flip Flops ab ins Unterholz ist, weil er unbedingt ein Foto von sich und der Tigersnake haben wollte, orderte ich ihn zurück. Er war sauer und ich redete von gefährlichen Situationen provozieren, dass ich die Fahrerin bin, wir mitten im Wald auf Sandstraßen fahren. Dass er keine Übersicht hat wo er läuft, dass ich nicht daneben stehen und abwarten will, ob er vielleicht gebissen wird, dass ich ihn nicht zum Auto schleppen und zum nächsten Dorf rasen muss, dass mir jeder Australier, dem ich je begegnet bin von so nem Unfug abraten würde, dass er sich hier nicht profilieren muss und, wenn er so einen Thrill braucht, soll er das alleine machen und uns nicht in diese Situation bringen.
Ja ich hab wohl auch etwas Frust abgelassen, dennoch... ich hab bestimmt 20 min konstant mit Argumenten auf ihn eingeschossen, bis er gemerkt hat, dass ich keinen Spaß mache. Nur weil er in Frankreich mit Schlangen spielt und denkt, er weiß alles, brauch er mir das hier nicht zu beweisen. Er sprach davon, dass ich eher sterbe, indem ich vom Auto überfahren werde und, dass Spinnen sowieso gefährlicher seien. Ich sagte das ist mir gleich, denn es ist ein Unterschied ist, ob ein Unfall passiert, oder man eine gefährliche Situation provoziert. Ich sprach von common sense!?Sarah sagte später zu mir, dass ich eine sehr gute Mutter werden würde, ich schaute sie nur verdutzt an, denn ich will hier wirklich nicht die Mutter sein. Ich will hier meinen Trip genießen. Aber du organisierst alles so toll... Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass dieses Kompliment nach hinten los ging.
Einige Tage darauf wandte ich mich etwas verunsichert - ob ich vielleicht doch über dramatisiere - an einen Ranger. Dieser konnte mir nicht glauben, dass jemand so “wahnsinnig“ sein kann. Ich versicherte ihm seine Grundkenntnisse und er lachte nur. Selbst die wirklich Erfahrenen würden sich nie so leichtsinnig auf eine Schlange zu bewegen ohne Ausrüstung und Schuhwerk und ohne die Umgebung einschätzen zu können. Ich muss gestehen das hat mir ein wenig gefallen so ein Hauch von – ich hatte Recht. Ich wollte allerdings doch nicht wissen, wie viele Touristen verletzt oder gebissen werden, wenn sie die markierten Wege verlassen und beendete das Gespräch.
Ein anderes Mal parkten wir an einer Strecke, die nur für Allrad-Fahrzeuge gestattet war und entschieden uns für ne halbe Stunde ein wenig die Füße zu vertreten. Bewaffnet mit nichts weiter als einer Wasserflasche pro Person verließen wir den Wagen und wanderten entlang des Weges. In der Mitte der Hitze des Tages verschwand das Wasser so schnell wie meine Motivation. Während Julien versicherte, dass es sich nur noch um 10 Minuten Fußweg zum Strand handeln konnte, sah ich weit und breit nur Wald. Auf der nächsten Anhöhe war mir klar, dass der weitere Marsch keine 10 Minuten sein können, denn man sah weitere Täler und kleinere Berge. Die Küste dahinter sah von da oben vielleicht zum greifen nahe aus, doch die verschlungenen Strecken machten darauf eine weitere Ewigkeit. Nach einer folgenden halben Stunde und mit noch einem Drittel der Wasserreserven ohne jeglichen Verkehr oder Menschen war ich schon am planen wie ich diese Tortour diplomatisch beenden kann ohne mit dem Frust meiner Mitmenschen den gesamten Tag zu verbringen. Da kamen hinter uns zwei Jeeps angerauscht. Julien, der tagsüber ca. nur 2 Gläser Wasser trank, während ich ohne Schwierigkeiten 3 Liter verschlang, sagte den besorgten Australiern, dass alles okay sei. Ich kratzte mir den trockenen Staub vom Mundwinkel und schüttelte den Kopf. Als mich der zweite Jeep überholte und durch das offene Fenster anlächelte, hielt ich den letzten Tropfen Wasser in der Hand. Einige Meter später setzte er zurück, und sagte zu mir: Seit ihr den gesamten Weg gelaufen?
Ja, ich denke wir haben uns verschätzt.
Ihr wollt zum Strand? Das ist noch mindestens eine weitere Stunde, wenn ihr schnell lauft. Habt ihr noch Wasser.
Nicht wirklich.
Julien schwieg.
Ich schüttelte den Kopf. Der Australier schaute jedem ins Gesicht, während die beiden anderen ihren Weg vortsetzten, blieb ich an seinem Wagen stehn. Willst du hinten drauf hüpfen? Wir können euch mitnehmen, wir haben auch Wasser. Nicht, dass es heißt, wer hat die Touristen zuletzt gesehen und wir haben nicht geholfen – er lacht.
Wir wollen Fischen, wenn ihr mögt, könnt ihr danach mit zurück kommen. Wir haben euer Auto gesehen. Seit ihr wirklich den ganzen Weg gelaufen? Es ist brennend heiß! Los, sag deinen Leuten bescheid. Keine falsche Bescheidenheit. Es wird vielleicht ein bisschen abenteuerlich, die Straße hat viele Unebenheiten...Und so hüpften wir hinten auf den Jeep und wurden zur schönsten Stelle des meilenweit einsamen paradiesischen Strandes gefahren. Wenn ihr jetzt denkt, dass Julien zugibt sich verschätzt zu haben, irrt ihr. Sein Kommentar war: Das ist Australien. Das Beste passiert, wenn man ohne Plan loszieht. Jetzt bekommen wir sogar noch ne Mitfahrt.
Ja es war eine unglaubliche Sicht, berauschend so dehydriert und müde über Sand und Steine gefahren zu werden entlang des türkisfarbenen Wassers. Und ich hatte wieder diese Wut im Bauch. Es war Glück. Es war dumm. Es war egoistisch. Während Sarah und mir schon schwindlig wurde, hatte er keine Probleme weiter durch die Steppe zu tigern ohne Rücksicht auf die Truppe. Und da war ich wieder kurz vor meiner Prinzipien-Diskussion. Doch anstatt die letzten Tage unseres Trips mit einem weiteren Streit zu trüben, entschloss ich mich für die kommenden Events die Führung zu übernehmen...
Wir genossen, wie die Überlebenden einer einsamen Insel, den grandiosen Nachmittag. Der kommende Tag wurde anders.Wir frühstückten am entlegenen Waldstück und ich strukturierte den Tag. Wir hatten immer noch unsere unvorhergesehenen Momente, doch wir verkalkulierten uns weniger. Wir zahlten keine Nacht für Unterkunft und die Tiere waren unsere Freunde.
Wir testeten umsonst Wein und Käse, kletterten auf Bäume, schwammen im Meer mit Delphinen, fischten, ließen uns von den Blowholes wegblasen, kletterten auf Berge, in Höhlen, hatten die berauschensten Aussichten und fühlten uns frei! Ohne Zäune, Touren-führer, Geländer oder Brücken, ohne andere Touristen trafen, so streiften wir durch Nationalparks und wir tranken und tanzten im Jazzclup des nächsten Dorfes und kamen dem Ende unserer Reise immer näher.
Mittlerweile bin ich wieder in Perth. Je mehr Zeit vergeht, umso ferner wirken diese Geschichten.
Ein wenig melancholisch macht mich der Abschied von Inga. Ein Jahr ist´s nun her seit wir zusammen nach Australien sind und dann treffen wir uns hier in Perth wieder! Bevor sie zurück nach Deutschland flog, hatten wir nochmal einen Moment zusammen. Komisch sowas. Das hat mir erst bewusst gemacht – ein Jahr ist rum! Und man stellt sich die Frage... wie wird das, wenn ich wieder zurück komme? Deutschland... du bist schon ein ganz anderes Land. So viel Hektik, so viel Stress, so viel Neid, so viel Unfreundlichkeit. Auf dem Arbeitsmarkt fühlst du dich nicht wie ein Individuum, du fühlst dich austauschbar, entsetzlich. Da gibt es keine solche Beziehungen zwischen Boss und Angestellter. Vielleicht macht es uns dieses „Sie“ und „Du“ auch schwer. Irgendwie sollte man allen Menschen mit gleichem Respekt entgegentreten und sich nicht abgewertet fühlen, wenn jemand „Du“ sagt. Aus welchem Zeitalter kommt das eigentlich? Ich würde gerne nur noch „Du“ zu allen sagen. Und während wir hier in Australien sagen „No worries mate! Das wird schon alles!“ so sagen wir in Deutschland „Junge, wird mal langsam Zeit, dass du dir Sorgen machst! So wird das nix!“
27 Jahre lang hat mich dieses Schema geprägt und vielleicht hab ich mich darin selbst klein gehalten. Hier spüre ich langsam wie sich Leben anfühlen kann. Im April fängt mein zweites Jahr hier an. Ich kam hier wie ein zerbrechliches Mosaik, das ungefähr weiß wie es aussieht, doch ganz leicht von allen Seiten mit Ratschlägen und Fragen, denen man sich zu stellen hat, zertrampelt werden kann. Die Zeit tut mir gut und ich werde langsam sicherer mit mir selbst. Und trotz dieser Unsicherheit wie es wird zurückzukommen, freue ich mich auf meine Freunde, meine Familie und darauf mein eigenes Leben zu gestalten mit einem eigenen Bett, Schrank und Bad!
In der Zwischenzeit habe ich mein Auto, meinen geliebten Jack, verkauft! Warum? Ich kann jetzt Flüge buchen! Und das hab ich getan! Am Montag geht’s für ne Woche nach Melbourne und dann für zwei Wochen nach Tasmanien! Und auf meinem nächsten Roadtrip werde ich der nervige Passagier sein, frei ohne Verantwortung für etwaige Folgen :)
Ahoi die Anne
Hier noch ein paar Bilder vom Trip:

















































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