was soviel heißt wie „Scheißzeit“ und ich sage: Willkommen im zweiten Jahr meiner Reisezeit.
Mein Flug geht am Montag wieder nach Perth in die Sonne mit der Hoffnung dass diese meine Stimmung aufhellen wird, denn die ist im Moment am Tiefpunkt. Das, meine lieben Freunde, muss wohl auch mal sein. Wie wäre das, wenn alles weiterhin so glatt verläuft? Ich genieße meine Zeit hier gerade in erfüllender Wut und Verzweiflung und ein Hauch von Unmut begleitet mich noch immer, so dass ich gerne mal laut Scheiße schreien würde.
Ja also nun was ist denn da nur los, jetzt?
Ich habe also mein Auto verkauft und sofort einen Flug nach Melbourne und von dort nach Tasmanien gebucht. Von Tasmanien bin ich mittlerweile nun schon zurück, wie gesagt Perth erwartet mich. Ich bin glücklich und voller freudiger Erwartung ins Flugzeug gestiegen – auf nach Melbourne, eine Stadt in die ich mich sofort verliebt habe! Einfach inspirierend pulsierend, multikulturell, künstlerisch, kreativ und total überrannt von Menschen. Du findest Bars, Kneipen, Restaurants, Kaffees, extravagante Mode, alternative Geschäfte... Man könnte sie mit Berlin vergleichen nur, dass man die Türken mit den Asiaten tauschen müsste, dass es hier teurer ist, der Strand schöner, die Menschen viel freundlicher und die Stadt sauberer... Es gibt einen kostenlosen Bus und eine Straßenbahn, die dich im Kreis rundherum fahren, so dass du alles einfach und schnell erreichen kannst. In meiner Woche hier habe ich so viel erkundet, wie es nur ging. Bei den vielen schönen Dingen ist mir das Herz aufgegangen, so dass ich am Liebsten nichts anderes mehr sehen wollte - nur noch hier bleiben und diese berauschende Atmosphäre einatmen! Es ist modern und teuer, aber auch “trashig“ und günstig. Ich liebe die Graffiti in den Straßen neben Gucci und Dolce Gabbana, die alte Kirche neben dem modernen Museum für bewegte Bilder, die kleine Straße Chinatown in der Nähe der Gärten mit den historischen Gebäuden – die kontroversen Bilder, die hier miteinander harmonieren, erfinden ein neues Bild von Welt.
Ich wollte alles auskosten! Ich war im Casino und habe $ 50 verspielt, das zweite mal $ 50 gesetzt und habe nicht nur alles zurück gewonnen, sondern ein plus von $ 40 gemacht! Es sah aus, als könnte nichts schief gehen! Ich wollte mit dem Kanu auf dem Fluss Yarra in den Sonnenuntergang rudern, wollte eine Helicopter-Flugstunde nehmen und die Welt von oben sehen, ich wollte alles mitnehmen, was nur angeboten wurde...
Ich hatte noch zwei Tage bis mein Flug nach Tasmanien gehen sollte und ich wanderte gerade gemütlich am Fluss entlang runter zum Strand, als mein Telefon klingelte. Der Mann von der Bank am Hörer: Kann ich bitte mit Frau Boldt sprechen?
- Ja, ich bin dran
- Hallo Frau Boldt, ich möchte nur mit Ihnen bestätigen, dass sie in den letzten Tagen eine Online Überweisung getätigt haben im Wert von $ 4500? Auf das Konto von Frau S.K.?
- nein... WAS?... Nein!? Ich benutzte das gar nicht!
- Ah okay, dann waren Sie das nicht, das sah für uns auch komisch aus, da das über Ihrem Limit liegt. Okay. Wann haben Sie sich das letzte Mal angemeldet, von wo aus nutzen Sie Banking, von welchem Computer, kann jemand Einsicht haben, haben Sie ihr Passwort irgendwo aufgeschrieben, haben Sie ihre Handynummer bei uns geändert? Führen Sie regelmäßige Updates durch? Haben Sie sich auf einer Seite angemeldet und merkwürdige Sprachfehler entdeckt? Haben Sie auf Links geklickt, die unter dem Namen der Bank verschickt wurden?`
und so weiter... eine halbe Stunde am Telefon mit blankem Entsetzen, saß ich in einer fremden Stadt, alleine, auf der nächsten Parkbank, nicht fassend was gerade los sein soll... Zur Information das war alles, was ich besaß. Das war mein Geld. Und Geld bedeutet, das war meine Freiheit. Das war meine Beweglichkeit. Das waren alle meine Träume, gegen die ich nur noch die Scheine eintauschen musste, um sie zu erleben. Das war meine Sicherheit, das war mein Dach über dem Kopf, das war mein Essen. Und mir wurde schlecht. Mit zitternder Stimme fragte ich, ob ich das Geld denn wiedersehen würde und er versicherte mir, dass das wieder zurück gebucht wird. Ich fragte, ob er denn nicht wisse wer es war, wenn er den Namen des Kontos hat, auf dem mein Geld jetzt liegt. Doch er sagte nur, dass diese Frau höchstwahrscheinlich keine Ahnung hat, dass unter ihrem Namen was eingegangen ist. Das wird von einem zum nächsten Ort gebracht, bis man die Spur verliert... Ich müsste jetzt erstmal zur nächsten Filiale, eine Form ausfüllen, dass ich diese Überweisung nicht getätigt habe. Er würde mir noch eine Mail schicken mit Sicherheitshinweisen und Links zu verschiedenen Scans, um meinen Computer zu testen und er bat mich den Report zurückzusenden, damit die Untersuchung dies berücksichtigen kann.
Er legte auf. Und da saß ich nun, leer, verwirrt, aber zuversichtlich. Ich dachte noch, wie gut, dass ich die Flüge schon hatte und ich für die Woche das Hostel sofort beim einchecken bezahlt habe.
Ich ging weiter zum Strand und kehrte nicht um, um zur Filiale zu gehen. Ich brauchte frische Luft, Wellen und Horizont. Das war der erste April, der erste Tag meines zweiten Jahres in Australien, was für ein Start... Nachdem ich dort alle Sorgen abgestreift hatte, begab ich mich zur nächsten Filiale der Bank, die nur ein paar hundert Meter entfernt von meiner Unterkunft war. Dort füllte ich die Form aus und hatte die Klarheit Fragen zu stellen, die in der plötzlichen Konfrontation am Telefon noch gar nicht da waren:
- Wann ist das eigentlich passiert?
- Gestern Abend. Ich druck dir die Übersicht aus.
- Haben die mein Passwort geändert? Oder wie kann das sein?
- Nein dein Passwort wurde nicht geändert, aber das brauchen die auch nicht. Mit den notwendigen Informationen und Technik können die das auslesen. Die müssen dafür nicht mal im gleichen Land sein.
- Passiert das öfter?
- Nein eigentlich nicht. Für mich ist es das erste Mal – grinst -. Aber wahrscheinlich hast du einen Virus auf deinem Computer, wenn das der einzige Ort ist, an dem du Internet Banking machst.
- Ja, ich gehe nie an öffentliche Pc´s und ich habe noch nie Überweisungen durchgeführt, seit ich mein Konto eröffnet habe. Ich logg mich manchmal ein, um zu sehen wie viel Geld ich noch habe, das ist alles...
- Ist das deine Nummer, die auf 48 endet?
- Nein!!??
- Ja was passiert ist, ist.. es wurde deine Handynummer vom Konto geändert. Du weißt, wenn du dich anmeldest online und eine Überweisung durchführen willst, wird dir auf dein, bei uns registriertes Handy, eine drei stellige PIN Nummer geschickt und erst durch die Eingabe dieser Nummer kann die Transaktion vollendet werden.
- Und jemand hat irgendwelche Informationen über mich, braucht mein Passwort nicht, weil er sich so einhacken kann, ändert meine Handynummer, hat die PIN Nummer empfangen und die Transaktion durchgeführt?
- Es sieht so aus...
- Tolles System...
- Aber wir haben deine Handynummer wieder aktualisiert und das Online Banking ist deaktiviert. Es kann jetzt nichts mehr passieren.
- Ja jetzt sind ja nur noch $ 20 drauf... Wie lange wird das dauern bis ich mein Geld wieder habe?
- Das können wir nicht genau sagen, wir faxen jetzt die Form zu der Kommission. Das kann ein paar Tage dauern. Sie werden mit dir in Kontakt treten. Antworte immer auf das Telefon und check deine Mails.
- Aber ich bekomm es sicher zurück? Ich habe kein regelmäßiges Einkommen, keine Wohnung oder Bekannte hier und mein Flug geht am Montag nach Tasmanien. Ich lebe von dem Geld.
- Ja keine Sorge. Es wird ein paar Tage dauern, nur Geduld.
- Ja klar... Ich mein gut, dass ihr das gemerkt habt, ich wäre vielleicht irgendwo, irgendwann am Automaten gewesen und hätte letztlich gesehen, dass nichts mehr geht. Haha...Also räusper Danke. Eins noch, sollte ich vielleicht zur Polizei gehen?
- Ja also, die Sache ist, dass die ja auch nicht wirklich weiterhelfen können. Wir müssen ja erstmal herausfinden wer das war und wir starten ja die Untersuchung, die Polizei kann da auch nicht mehr tun. Du brauchst dir da keine Gedanken zu machen.
- Okay...
So ähnlich lief das ab. Abends zurück im Hostel, nach drei Bier, habe ich dann endlich den Mut gehabt meinen Computer auf alle möglichen Infektionen oder Trojaner zu prüfen. Mir war schon klar, dass ich wohl alle meine Daten, Bilder, Texte verlieren werde, weil ich wohl den Computer total platt machen muss... Ich habe 6 verschiedene Scans nacheinander laufen lassen, selbst auf infizierte Software habe ich getestet. Und jetzt ratet mal... Ja genau, nichts.
Alle erwähnten Sicherheitslücken meinerseits konnten mittlerweile ausgeschlossen werden.
Nach dieser Offenbarung brauchte ich Luft und so stand ich in Socken, ohne Schuhe für 5 Minuten desorientiert vor dem Hostel und blickte auf die Straße vor mir. Wo soll ich hin? Was wollte ich eigentlich heute machen? Was kann ich jetzt eigentlich machen? Ich hab gar kein Bock irgendwas zu machen. Du gehst eh irgendwo wieder n Kaffee trinken und gibst Geld aus. Geld! Scheiß Geld! Da Acker ich mir echt mal den Arsch wund, um dann einfach mal n paar Wochen nur zu machen worauf ich Lust hab und... Okay... Es wird sich richten... Die Bank... wird wohl wissen was sie tut. Und ich hatte keinen Virus – Scheiß Bank!! Ne... geh nicht zur Polizei, die kann dir auch nicht helfen, gell? Seit wann kann die Polizei schon helfen – haha. Ist das nicht Diebstahl? Wofür ist die Polizei denn gut. Wollt ihr vielleicht nicht im Nacken haben... kein Druck von der Öffentlichkeit... keine Sicherheitslücken zugeben...
Und so stand ich da und blickte verbittert vor mir auf den Boden, als mein Blick nach links schwenkte und ich grinsen musste. Ja! Das hab ich ja schon fast wieder vergessen! Ich laufe nämlich jeden Abend auf dem Weg zu meinem Bett am Hostel vorbei, weil ich überall hingucke, nur nicht nach oben, dabei ist es doch so einfach zu finden – es ist direkt neben der Polizei!
Ohne großes Nachdenken ging ich die drei Schritte und betrat das Polizeirevier in meinen Socken. Ich wartete eine halbe Stunde und als ich dann dran kam, lachte ich verlegen und sagte:
- Ich weiß nicht ob ich hier richtig bin. Ich habe heute erfahren, dass mir gestern mein gesamtes Geld von der Bank geklaut wurde, doch mir wurde abgeraten zur Polizei zu gehen, ich wollte nur fragen ob das bei Ihnen als Diebstahl gehandelt wird.
- Was genau ist passiert?
Ich gab einen Kurzbericht...
- Also zuerst – die Polizei hat viel mehr Mittel und Rechte irgendwas zu bewirken und ja das ist Diebstahl und zwar kein kleiner, denn das ist viel Geld. Es ist schon spät und es ist viel los, komm Morgen wieder und wir nehmen einen Bericht auf und werden von unserer Seite Untersuchungen leiten, du bist hier richtig.
- Danke. Eine Frage noch, passiert das öfter?
- Ja leider, aber eher in kleineren Beträgen. Wahrscheinlich geht das eine Stufe höher zu Criminal Investigations.
- Alles klar, dann störe ich nicht weiter. Bis Morgen.
Am nächsten Morgen ging´s also nicht zum Fluss Yarra oder zur Helicopter-Flugstunde, es ging zur Polizei. Ich weiß nicht wie lange ich da saß, doch es war gut. Wie in meiner kleinen Welt des CSI Melbourne gab ich – zu Schrecken der armen Sekretärin – einen vierseitigen detaillierten Bericht, über Menschen, die ich traf, Updates, Reports, Information von der Bank, wann ich wo das letzte Mal online war, wer sich mal mein Telefon auslieh – Alles, was ich nur vage erinnern konnte, holte ich raus und sagte: Ich weiß nicht ob das wichtig ist, aber... und... da fällt mir ein... könnte es sein, dass? Nein, okay...
Danach ging´s mir besser. Mehr kann man nicht tun. Warten.
Ich erzählte von meinem Trip nach Tasmanien, was ich alles vor hatte. Ob sie vielleicht wissen wie lange das dauern könnte. Nein, das sei die Seite von der Bank, das können sie nicht wissen. Sie werden Untersuchungen aufnehmen, um herauszufinden wer dahinter steckt.
Gut! Kriegen sie den! Bitte!!
Dieser Tag war noch der Beste von allen. Ich verbrachte ihn euphorisch in der Vorstellung nicht nur mein Geld wiederzubekommen, sondern auch noch diese miesen, kleinen, dreckigen Bastarde zu fassen. Ich sah sie irgendwie als Gruppe vor mir im Gericht stehen und ich träumte nahezu noch von Entschädigung für dieses aufgezwungene Sparen und die versäumten Erfahrungen....
Und ehrlich, ich hatte doch Glück im Unglück! Ich könnte irgendwo in der Wüste auf Tour sein, ohne Empfang und ohne Bank. Ich hätte keinen Zettel unterschreiben können und würde gar nicht wissen, was los ist. Mir hätte irgendein Penner ein Messer in den Bauch stechen können und mein gesamtes Portemonnaie von mir reißen können, mit samt meines Ausweises und aller Papiere.... Mir geht’s doch gut!
Ich hörte nichts mehr weiter und mein Flug ging nach Tasmanien. Ich war glücklich das in der Zwischenzeit relativ melancholische Melbourne zurückzulassen und mich wieder in der Natur verkriechen konnte. Eigentlich kann ich ohne schlechtes Gewissen sagen, dass wirklich jeder gesagt habt, dass Tasmanien der Seele gut tut und einfach beeindruckend ist. Ich nahm keine Karte in die Hand und informierte mich über nichts. Ich bin einfach los. Ich suchte nicht nach Hostels, sondern buchte einfach eins, das mir von jemandem empfohlen wurde, ohne zu wissen wo es ist. Der Bus brachte mich des nachts direkt zu meinem neuen Zuhause – zu einem kleinen, etwas heruntergekommenen Backpacker. Nach einer guten Nacht begann ich das Internet nach Reisepartnern zu durchsuchen. Ich schrieb die drei verfügbaren Angebote an, ohne Erfolg. In Tasmanien ist Herbst, das erste Mal seit einem Jahr!
Die Blätter waren bunt, das Wetter war schön, die Sonne scheinte und so wanderte ich durch Hobart auf Erkundungstour, entlang verwinkelter Straßen, kleinen Kaffees, Hügel hinauf und Täler hinunter, vorbei am Fluss und trank einen Kaffee am Hafen. Ich fühlte mich wohl. Insgesamt hatte ich noch genau $ 500 Bares in meiner Tasche, die helfen sollten Unterkunft und Essen zu decken und mir die Möglichkeit bieten sollten als Mitfahrer Tasmanien zu erkunden. Doch es war kalt und keine Saison und ich fand keinen Platz. Zurück im Hostel lernte ich drei Franzosen kennen. Jeden Abend wurde ich zu Wein eingeladen, wir teilten unsere Geschichten und eine sarkastische Form von Depression. Wir lachten viel mit echten Tränen im Auge. In purem Zynismus waren wir uns jedoch sicher, dass wir immer noch unseren Körper verkaufen können. Es nervte mich, dass der Gedanke an Geld die Zeit trübt, so dass ich mich entschloss die Nummer auf dem Zettel für gesuchte Erntehelfer anzurufen. Um 6.00 Uhr in der früh des folgenden Tages wurde ich abgeholt, Zettel unterschrieben, eine Stunde im ratternden Bus in der beißenden Kälte des nebligen Morgens raus auf den Weinberg. 10 Stunden Weinreben hoch und runter laufen, zwischen Spinnweben und aggressiven Bienen die Trauben abknipsen.
Jemand im Haus spielte Gitarre und bevor ich noch anfangen konnte aus Frust die Einrichtung zu demolieren, schleppte ich mich nach draußen auf die kleine Bank vor dem Gebäude und hörte zu. Der Holländer namens Alex spielte eigene Songs. Ein alternativer Typ, aus einer anderen Zeit, ein Hippie wie man ihn sich vorstellt. Und er sang: „I want to burn down my creditcard“ Ich musste lachen. Wir kamen ins Gespräch.
- Du machst dir zu viele Gedanken
- Ja wahrscheinlich.
- Ich bin von Queensland nach Melbourne per Anhalter gefahren. Geld wird überbewertet. Das kann auch eine Herausforderung für dich sein. Das kann dir neue Perspektiven ermöglichen. Du bist frei jetzt – er lächelt.
- Ja frei... fühlt man sich gefangen in der Freiheit?
- Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Alles ist so, wie es sein soll. Das ist mein Mantra.
Und er fing wieder an zu spielen. Wir redeten viel und es tat gut, denn er strahlte diese Zufriedenheit aus, in der man das Gefühl hat, dass wirklich alles Sinn ergibt. Und, so sagte er, vielleicht lernst du nur wegen dieser Umstände den Mann deiner Träume kennen oder du weichst Unheil aus, das dir andernfalls vielleicht zugestoßen wäre. Richtig, mir ist kein Unheil zu Teil geworden, doch auch der Mann meiner Träume war weit und breit nicht in Sicht. Die Tage vergingen ohne viel gesehen oder erlebt zu haben. Wir nahmen allesamt das Wohnzimmer in Beschlag und jeden Abend schloss ich meinen Laptop an den Fernseher und spielte Filme aus meiner weitreichenden Ansammlung. Ich genoss die Menschen, die Gespräche, das Verständnis und die verschiedenen Geschichten. Und eines Tages erhielt ich sogar eine positive finanzielle Nachricht. Vor einiger Zeit setzte ich eine Anzeige für alle Stadtkarten ins Internet für $100 zu Verkauf und jemand meldete sich. Da ich diese aufgrund des Gewichts in Perth gelassen hatte, bat ich einen Freund von mir den Verkauf für mich zu vollziehen und er überwies mir einen Tag darauf das Geld. Man erinnert sich – das Online Banking wurde gesperrt, meine Karte nicht. So ging ich dann zum Automaten und anstatt des Geldes erhielt ich einen freundlichen Ausdruck mit der Nachricht – Balance = $0.00 und ich konnte sehen, dass gestern über $ 100 mit der Kreditkarte ausgegeben wurden. Ich hatte kein Geld auf meinem Handy, doch die Frau neben mir muss mich Zittern sehen haben, als sie mir ihr Telefon lieh. Ich bat die Bank um Rückruf. Es klingelte und ich fragte was das für eine Abbuchung sei.
- Ja ich seh das hier. Das war für dein Zugticket in Sydney .
- Ich habe kein Zugticket gebucht. Ich bin in Tasmanien und im Übrigen: Ich sitze hier fest, weil ich immer noch nicht mein Geld zurück bekommen habe von der Transaktion vom 1.4. für $ 4500. Jetzt kann mir nicht mal jemand Geld überweisen, weil es sofort danach weg ist!? Von was soll ich hier leben?
- Okay also da war vorher schon ein Betrug gemeldet worden?
- Ja das hab ich gemeldet. Die Polizei weiß das auch.
- Also das Online Banking ist eine andere Abteilung, falls du da Informationen zu der Untersuchung haben willst, kann ich dich gleich weiterleiten. Du wirst das Geld für die Kreditkarten-Bezahlung zurückerstattet bekommen. Ich schicke dir eine E-Mail mit einer Form, die du ausfüllen und an uns zurück schicken musst. Ich sperre jetzt deine Karte.
- Ja danke. Und dann?
- Dann senden wir dir eine neue Karte, das dauert circa 7 Tage.
Und so ging das noch eine Weile bis ich zur anderen Abteilung weitergeleitet wurde, wo mir die Frau freundlich berichtete, dass meine Akte jetzt nach Adeleide geschickt wurde. Die Frau, die die Akte bearbeitet ist leider gerade in Urlaub, kommt aber am Freitag wieder und wird mich die Woche darauf kontaktieren. Ich werde mein Geld wiederbekommen, sie könne mich verstehen und die Umstände tun ihr sehr leid. Sie wisse auch keine Details und könne mir nicht weiterhelfen, ich brauche Geduld. Sie verabschiedete sich mit dem Satz: Lass dir das Wochenende nicht vermiesen, und legte auf.
Ich war nicht in der Lage die passenden Worte zu finden, doch auf meinem Rückweg zum Hostel führte ich das Telefonat in einem engagierten Selbstgespräch fort:
Ja natürlich gibt es niemanden, der den Fall bearbeiten kann. Sie ist in Urlaub und die Bank hat keine weiteren Angestellten. Nur Geduld... Gib mir $ 4500 und ich habe Geduld. Wenn ich mein Geld sowieso wiederbekomme, warum kann ich dann nicht einen Kredit bekommen für die Wartezeit? Das weiß sie natürlich nicht... sie wird bezahlt dafür, dass sie nichts weiß. Vielen Dank für so viel Verständnis. Warum konntet ihr meine Karte nicht gleich sperren? Wer entschädigt mich für das vergeudete Flugticket? SCHEIßE... ich hab echt keine Lust mehr, zahlt mir einfach mein Ticket zurück nach Deutschland. Was soll das hier eigentlich.
Zurück im Backpacker, auf dem Sofa sitzend, mit einem Tee in der Hand, ins Leere starrend... Ich blätterte durch Reisekataloge mit Bildern von Stränden, Bergen, wundervollen Aussichten... und irgendwie wollte ich die gar nicht sehen. Was hab ich schon für tolle Strände besucht, bin auf Berge geklettert, habe Nationalparks durchwandert... Ich reise um woanders zu sein, aber je mehr Zeit vergeht, je ähnlicher wird sich alles, je schwieriger wird es mich zu überraschen. Immer weniger und weniger sind es die Orte, die mich verändern, sondern die Menschen, die ich treffe. Und dafür muss ich nicht in Australien sein. Dafür muss ich nur vor die Tür gehen. Und Türen gibt es in jedem Land. Es ist Zeit woanders hinzugehen. Ich bin es auch müde so viel zu arbeiten, um ein wenig zu Reisen. Wisst ihr, dass Australien Arsch-teuer ist? Dass man für $ 1000 in Asien wie eine Königin leben kann?
Der Katalog landete unsanft auf dem Tisch vor mir und Alex, der Holländer, betrat den Raum, setzte sich neben mich und wollte wissen was passiert sei. Als ich anfing zu erzählen, brach es aus mir heraus und ich konnte die Tränen nicht stoppen.
- Er sagte, aber es ist doch nur Geld.
- Ja...
- Du bist wahrscheinlich nur einmal in deinem Leben hier in Tasmanien. Du solltest deine Zeit genießen. Was willst du denn alles sehen?
- Ich will nichts mehr sehen...
- Aber wenn du Geld hättest, was würdest du tun?
- Ich würde eine Tour buchen und durch ganz Tasmanien reisen. Ich habe ein einheimische Paar im Flugzeug getroffen und die haben mir verschiedene Tipps gegeben und diese Orte, die sie mir genannt haben würde ich alle abreisen.
- Was sind das für Orte?
- Das ist jetzt gemein...
- Wer sagt, das du das nicht machen kannst?
- Mein Kontostand.... roll nicht mit den Augen!
- Okay, sag mir die Orte
- Also...
Und wir machten eine Liste von Dingen, die ich erleben wollte. Er durchstöberte die Flyer und fand eine Tour, die alle Stationen besichtigt inklusive Unterkunft und sagte:
- Hier schau, nur $ 560,- für 5 Tage, Morgen geht’s los. Und du kommst genau rechtzeitig wieder, um deinen Flug zurück zu nehmen. Alles wie geplant!
- Ich habe noch $ 500,- und muss das Hostel noch bezahlen. Ich kann mir das nicht leisten
- Na ich geb dir das. Es ist doch nur Geld!
- Was? Nein. Das kann ich nicht annehmen. Wir kennen uns drei Tage und du willst mir Geld geben? Nein. Danke. Das ist wirklich nett, aber nein.
- Doch. Du kannst es mir ja irgendwann wieder geben. Wir sind auf der Welt um Gutes zu tun und ich seh dich lieber lachen als weinen. Du machst das – Los ruf an. Ah warte, ich ruf an.
Er war besser gelaunt als ich und er rief an und buchte die Tour für mich, ich konnte es nicht fassen. Er sagte, alles ist so wie es bestimmt ist und es hatte einen Grund, dass wir uns treffen. So kann ich dir helfen. Ich tu das gerne.
Einige mögen sich jetzt eventuell ausmalen, dass er verliebt war oder wir was am Laufen hatten oder das möglicherweise in die nächste Abzocke hinausläuft – nichts dergleichen. Er war einfach der Ansicht, dass Geld sowieso keinen Wert hat.
Es war also Sonntag und er zwang mir ein Lächeln ab. Ich habe mich bei der ganzen Geschichte dennoch unwohl gefühlt, obwohl er sich seiner so sicher war oder gerade deshalb. Er sagte mir, dass man lernen muss auch über Probleme zu sprechen. Wenn man nicht darüber spricht, kann einem auch nicht geholfen werden, alles andere sei menschlich. Als bald verschwand jegliches Unbehagen und Vorfreude machte sich breit – Rauskommen und frische Luft atmen!
Ich stand früh auf, packte meinen Rucksack und erwartete den Bus. Das Wetter ist über Nacht plötzlich umgeschlagen und es regnete und regnete. Der Himmel war grau und es war Neblig. Dann brummte mein Handy und ich las die SMS: Aufgrund von Flutwarnungen müssen wir leider die Tour absagen. Alles ist also so, wie es bestimmt ist? Ich bin nicht dazu bestimmt in Tasmanien zu sein, dachte ich mir... ich musste wieder lachen. Das ist alles so absurd!
Das Wetter machte die Welt unbetretbar für die kommenden Tage. Alex ist per Anhalter los gezogen und die Franzosen und ich führten unsere Videoabende fort. Es war ein bisschen wie zuhause und die Situation passte zu meiner Grundstimmung. Ich lief warm eingemummelt durch das nasse Hobart und schlief lange bis ich mich dazu durchrang für die letzten zwei Tage in Tasmanien Tagestrips zu buchen, das Geld dafür hatte ich ja jetzt. So reduzierte sich mein Aufenthalt auf die zwei Dinge, die ich wirklich erleben wollte: Tasmanische Teufel, die Wasserfälle und eine Bootstour entlang der Küste.
Die Wasserfälle waren mitreißend und aufgrund des Regens, der zudem ein in Hobart zu verzeichnender Rekord war, umso gewaltiger als normal. Außerdem hatten wir Glück, denn je mehr wir die Stadt hinter uns ließen, umso besseres Wetter hatten wir!
Am Freitag war ich auf dem Boot – drei volle Stunden lang peitschten wir durch die See. Die Wellen waren so riesig und hart, dass das Boot streckenweise über das Wasser flog. Ich wunderte mich schon, dass die Reiseführer uns 5 mal fragten ob wir Seekrank werden und uns kostenlose Ingwer-Tabletten spendierten bevor es losging. Der Hälfte unserer Mannschaft wurde es schlecht und wir alle schrien dem Meer entgegen teils vor Anspannung und teils aus purer Freude. Ohne Sonne mit dicken grauen Wolken war es wohl nicht die Beste Zeit die Küste zu bewundern, doch das Erlebnis war unbezahlbar. Nun sitze ich in Melbourne, hole morgen meine neue Karte bei der Bank ab und danach geht’s zur Polizei, um den zweiten Betrug aufzunehmen. Am Abend geht mein Flug zurück nach Perth und ich freu mich drauf! Ich habe bereits bei der Farm angerufen, um zur Not unterzukommen, falls die Bank noch länger braucht. Wobei mein Plan erstmal feststeht dort in der früh anzutanzen und erst das Gebäude zu verlassen, wenn meine Fragen beantwortet sind.
Was ich danach mache steht noch aus.
