...ich bin ein geschichtenerzähler aus der welt, berichte aus meiner sicht mit meinen gefühlen und meinen worten...

Montag, 24. Oktober 2011

lang ist's her

Als ich in Australien ankam fühlte sich der Gedanke an ein halbes Jahr unvorstellbar lange an. Nun habe ich seit einem halben Jahr keinen Eintrag mehr geschrieben! Perth ist zu meinem Zuhause so weit weg von Zuhause geworden. Was man daheim in Deutschland gerne verdrängt ist, dass ich hier nicht im Urlaub bin. Ich lebe hier. ich habe Freunde deren engster Kreis zu meiner kleinen Familie geworden ist. Ich verdiene Geld und gebe hier Geld aus. Meine kompletten Ressourcen befinden sich hier mit mir in diesem Land. 
 
Ich war Vollzeit in einem festen Job beschäftigt, hatte eine Mitgliedschaft im Fitnessstudio mit einem personal Trainer und habe dazu noch im Hostel gearbeitet.  Mein Tag fing um 6.00Uhr früh an – aufstehen, duschen, anziehn, frühstück, Weg zur Arbeit – 8 Stunden im Büro - Bus zurück, Training, Freunde treffen, schlafen, aufstehen… am Wochenende war ich Manager im Hostel. Dadurch konnte ich mir die Miete sparen und meinen personal Trainer finanzieren. 

Als meine Jobagentur anrief und mir diese Stellenbeschreibung unterbreitete, dachte ich nur- Haha!  `admin assistant in customer service for Horizon Power, renewable energy company in Western Australia.` 

Aber meine Agentur setzte Vertrauen in mich und all die Jobs, die ich in der Zwischenzeit hatte, langweilten mich zu sehr, so dass es Zeit war für eine kleine Herausforderung. Ich war zuvor zwei Wochen lang Vertretung als `receptionist` in einem Toyota Autohaus, wo mir angeboten wurde aufgrund meiner “Mikrophone-Stimme“ weiter für Durchsagen zu arbeiten. Ich lehnte dankend ab. Meine 1 woechige Position in `data entry` war nach drei Tagen vorbei, weil ich schneller tippte als geplant war (In Australien läuft alles etwas gemächlicher ab, hab ich schon erwähnt?).  

Also wer nicht probiert, kann nicht verlieren. Die Firma installiert Solar Anlagen, versorgt das Land mit Strom, arbeitet zusammen mit der Regierung, organisiert Stromrückzahlungs-Verträge und vieles mehr. 
Ich habe angefangen als Unterstützung in der Datenverwaltung, bin weiter in die Kundenbetreuung hin über die Vorbereitung der Verträge bis hin zu der selbstständigen Leitung einer Abteilung und das von innerhalb drei Monaten. Mittlerweile habe ich gekündigt und wieder ein wenig mehr Luft um mal wieder ein elektronisches Morsezeichen über See zu senden. Es ist schwer zusammenzuraffen was mir alles im Kopf herumschwirrt. Ich bin glücklich und schwermütig zugleich. 

Als ich gekündigt habe, habe ich geweint, das gesamte Büro organisierte Frühstück, meine Chefin hat mich zu Bier eingeladen, mein Manager bot mir an, dass ich immer einen Job haben werde, wenn ich mich je entscheiden sollte in Australien zu bleiben.
Was kann es schöneres geben als festzustellen, dass mich Unsicherheit nicht mehr quält. Ich liebe es die verschiedene Routinen zu probieren, mich selbst zu proben, um herauszufinden wo ich stehe und meine Grenzen zu testen. Australien. Ein Land, das mir gezeigt hat, wie es sein kann sich nicht austauschbar zu fühlen.   
Hier wird Persönlichkeit geschätzt.  Wir funktionieren besser als Menschen ohne zu versuchen zu Robotern zu werden, die im hektischen Kreislauf der Ökonomie sich selbst vergessen. 

Und ich spüre es wird Zeit für mich.  Ich war jetzt auch endlich im Norden und habe meine lang ersehnte Reise durch die Kimberleys gemacht. Bilder sind im Anhang für euch. Jetzt gibt es hier nichts mehr das mich so reizt im Gegensatz zu dem, was ich vermisse. Familie, Freunde, Jahreszeiten, schnell mal vom Süden in den Norden fahren, Grüne Soße und Pellkartoffeln, frisches Brot, ein Bett, ein Schrank, eine Wohnung, ein Projekt, ein weiteres Studium? – mein Leben, also ernsthaft jetzt.

Ich kam her und war kraftlos. Mein Vater war gestorben. Der Mensch in meinem Leben, der mir am nächsten stand. Und ich bin damit allein, denn jeder ist für sich. Und keine Beziehung zu einem Menschen ist wie die von jemand anderem. Wenn eine Stützte wegbricht, muss man wohl erstmal wieder laufen lernen. Dass ich mein Studium unterbrochen habe, um bei ihm zu sein, dass haben nur meine engsten Freunde verstanden. Oder besser gesagt, dies sind meine Freunde, die mich unterstützt haben und mich nicht mit stupiden Fragen durchlöchert oder sogar erdreistet haben besser zu wissen. Was denken sich diese Leute dir zu sagen, was du tun sollst oder was das Beste für dich ist, oder was Gerechtigkeit sein soll? Ich weiß jetzt immerhin, dass ich um einiges taffer bin als ich mir je vorstellen konnte. Und da ist sie noch diese Wut und Enttäuschung.  Und ich habe Angst. Hier fern von dem Platz des Geschehens ist er mir nah. Zuhause… wird er noch präsent sein? Hängt noch irgendwo ein Bild? Wird noch von ihm gesprochen? 

Mein Bruder lebt sein Leben. All meine Versuche ihn an meinem Anteil nehmen zu lassen oder einfach nur ein bisschen Kontakt… gescheitert. Meine Mutter, wir lieben uns und wir leben in unterschiedlichen Welten. Wir kommen auf die Distanz vielleicht sogar besser zurecht. Wonach ich mich sehne und was in der Realität da ist, ist ein Unterschied. Mein Vater kannte mich, ohne dass ich mich je erklären musste. Für meine Mutter habe ich immer noch irgendwas mit Medien studiert. Sie ist stolz auf mich und ich liebe sie sehr. Und dennoch ist es manchmal als wäre ich noch 16 Jahre alt und kämpfe um Verständnis. Ich weiß sie meint es gut mit mir – immer! Doch genau das sticht manchmal. Manchmal will man doch hören, dass man vermisst wird und nicht, dass es im Moment sowieso nicht passt, dass das Haus noch nicht geputzt ist, dass sie selbst so viel Stress hat, als würde es gar keinen Unterschied machen ob ich da bin oder nicht. 

Ich komme aus einer anderen Welt irgendwann zurück in die ich geboren wurde – Deutschland mit all den vertrauten Dingen, die ich liebe und Dinge, die mich weit weg treiben. Ich werde hier Freunde zurücklassen die mich wohl besser kennengelernt haben als mich je jemand kannte, mit denen ich die intensivste Zeit 24/7 mit allem Hoch’s und Tief’s verbrachte. 

Dieser Abschied findet langsam in mir statt. Ich kann noch nicht sagen, wann ich mich all dem stelle was zuhause auf mich wartet. Wo ich wieder von Null anfange, umgeben von jedem, der mich kennt wie ich war, doch nicht weiß wer ich jetzt bin. Wo wahrscheinlich all meine Erfahrungen in kurzer Zeit wirken werden wie ein Traum. Und ich werde an einer Ampel stehen mit Gedanken in Englisch und alle sprechen Deutsch. Ich werde mich fremd fühlen, so wie es mir anfangs hier in Australien erging.

Man sagt zuhause ist, wo das Herz ist. Wo wird meins lauter schlagen? Vielleicht ist es woanders, vielleicht ist es weder das eine noch das andere, vielleicht ist es mit jemandem, den ich erst finden muss, vielleicht bin ich noch am Anfang des Weges und vielleicht finde ich mein Glück zurück in Deutschland … Dann wird es Zeit für ein Abenteuer in Europa!





































































































2 Kommentare:

  1. Ach Anne ... so lange kein Zeichen und endlich! Ich will gar nicht viel sagen, nur eins: Ich liebe dich wie du warst, wie du bist, wie du sein wirst, egal, wo du bist, ob du dich meldest oder nicht. Auch wenn du schon eine ganze Weile weg bist, du warst zu keinem einzigen kleinen Zeitpunkt vergessen!

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  2. irgendwie triffts die Trixie auf den Punkt. Ich könnte es nicht besser sagen!!

    Mäuschen, ich warte auf dich!

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